Manche Veränderungen schienen harmlos – bis sie es nicht mehr waren. Was machst du, wenn dein Partner in Pyjama-Oberteil ins Fitnesscenter geht oder plötzlich die Namen von Bekannten mehr kennt? Zwischen Fürsorge und Bevormundung gibt es eine schmale Grenze.
Die Balance zwischen Unterstützung und Bevormundung ist heikel.
Alexander geht eines Tages im Oberteil seines Pyjamas ins Fitnesscenter, ein anderes Mal kommt er mit fremden Kleidern aus der Garderobe. Nach weiteren befremdlichen Vorkommnissen kündige ich seinen Vertrag ohne grosse Erklärungen. Fortan turnen wir gemeinsam in unserer Stube.
Wir hatten ein befreundetes Ehepaar. Sie stellte ihren Mann immer als hochgradig dement vor. Er tat mir unsäglich leid, in dieser Weise blossgestellt zu werden, war er doch früher Direktor in einer Institution und immer noch hervorragender Musiker.
So wollte ich Alexanders Defizite niemals in die Welt hinaus posaunen. Seine Würde war mir wichtig. Mich selbst will ich ja auch nicht dringend über meine schwache Seite definieren.
Doch es gibt auch Situationen, in denen ich mich überfordert fühle. Sein Drang, nach Hause zu gehen, ist eines der anstrengendsten Dinge. Dieses Zuhause existiert nicht – es ist eine Mischung aus allen seinen Lebensstationen. Besonders am Abend kommt der Wunsch auf, wenn ich mich eigentlich nach Ruhe sehne. Ich habe die Wahl: Entweder ich bringe ihn dazu, es zu vergessen – oder ich begleite ihn auf seinem Weg, bis er bereit ist, mit mir «nach Hause» zu kommen.
Ich bemerke: es ist ein Tabu für Menschen, die immer anderen ihre Hilfe angeboten haben, selbst um Hilfe zu bitten. Da hat mir ein Plakat weitergeholfen, das ich beim Vorbeifahren an einem Bahnhof sah. Darauf stand: «Hilfe anzunehmen, ist ein Zeichen von Stärke».
Im Laufe der Jahre, braucht Alex immer mehr Hilfe. So auch beim Duschen. Nun kommt auch seine Scham dazu. Als er einmal in der Badewanne hinter dem Duschvorhang steht, ruft er mir zu: «D Fraue müend use». Als ich mich später bei einer Angehörigenspitex bewerbe, kommen zwei Pflegerinnen, die sehen möchten, wie ich ihm bei der Toilette und beim Duschen beistehe. Das macht ihn so wütend, dass die beiden den Vorgang schliesslich nur aus der Ferne begutachten können.
Seine zunehmende Desorientierung bringt es auch mit sich, dass ich ihm die Checkkarte wegnehme und in der Folge die Rechnungen selbst bezahlen muss. Allerdings hat er immer noch seinen eigenen Geldbeutel, damit er als Gentleman für uns bezahlen kann, wenn wir irgendwo etwas konsumieren. Ich rechne es dem Servicepersonal hoch an, dass nie jemand davon profitieren wollte, wenn er dreimal das Gleiche bezahlen wollte. Wenn er seinen Geldbeutel nicht mehr findet, habe ich einen weiteren in Petto, damit ich mich nicht allzu sehr nerve über den Verlust. Wenn dann der erste wieder hinter einem Schrank oder unter dem Bett zum Vorschein kommt, darf er den zweiten gern wieder verlieren.
Hier schreibt: Susi Streichenberg
Bis März 2024 war Susi Streichenberg noch pflegende Angehörige eines von Alzheimer und vaskulärer Demenz betroffenen Ehemanns. Am aargauischen Pflegetag 2023 hat Sie ein Buch über den gemeinsamen Weg des Vergessens herausgegeben und gab ihm den Titel «Ich will deine Enge weit machen». Diese Erinnerungen hat sie im Selbstverlag veröffentlicht.
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