Bisch du eigetli glücklich mit mir, wie’s jetzt isch? – Eine Frage, die mitten ins Herz trifft. Wie antwortet man einem geliebten Menschen, der spürt, dass er langsam verschwindet? Unsere Gespräche wurden leiser, aber nie bedeutungsloser.
 

Intime Gespräche mit seinem Partner, die gibt nicht jeder preis. Doch ich habe sie festgehalten, um das Ganze unserer Beziehung aufzuzeigen.

Ich erinnere mich: Ich bin völlig genudelt, als Alex nach dem Abendessen noch einen Spaziergang machen möchte. Doch ich weiss, dass jeder Lauf auch mir guttut. Wir drehen eine Runde über die 485 Treppenstufen hinauf zum Waldrand. Auf einem unserer Lieblingsbanklein ruhen wir uns aus und schauen über das abendliche Wettingen. Natürlich muss ich ihm erklären, dass es Wettingen ist, und dass wir hier zuhause sind.  

Dann fragt er mich: Bisch du eigetli glücklich mit mir, wie’s jetzt isch? 

Eine Wahnsinnsfrage, die sein Unbehagen ausdrückt über sein Gefühl, nicht zu genügen. Ich möchte auch ehrlich antworten und weiss, dass ich jetzt nicht lüge, wenn ich sage: Jo, Alex, i bi glücklich, wenn i mir immer wieder vor Auge halt, für was mir alles dankbar si chönnd. Üseri Zit zäme isch prägt vo Verluscht und Endlichkeit. Mir wönd si doch no uschaufe. Au wenn d Alzheimerchranket i dim Hirni immer meh kaputt macht, so isch doch dis Härz no gsund. Dini Fründlichkeit, dini Güeti und dini Hilfbereitschaft sind au no do. Mir törfed zäme bäte, d Füess gönd no, und mir händ denand lieb. 

Später, vor dem Einschlafen, bittet er mich noch um ein Wort zum Einschlafen. In einem alten Notizblock auf meinem Nachttisch steht der Vers, der vor 42 Jahren auf der Todesanzeige von Alexanders Vaters stand. Ich lese ihn vor: «Wir wissen: Gott, der den Herrn Jesus vom Tod auferweckt hat, wird uns genau wie ihn auferwecken.» Mit diesem Text im Herzen beschliessen wir den Tag und schlafen glücklich ein. Rücken an Bauch, wie wir es schon immer gehalten haben. 

Rücken an Bauch geht natürlich nicht mehr, als Alex immer mehr Alzheimer Schübe hat und ein Pflegebett bekommt. Schliesslich räumen wir das Schlafzimmer mit dem Doppelbett aus. Ich schlafe im rechten Winkel zum Pflegebett auf dem Lattenrost und zwei übereinander liegenden Matratzen. Bei unserem Abendritual setze ich mich auf einen Stuhl neben seinem Bett. Wir halten uns die Hände zu den Liedern und Gebeten. Oft geht da ein Strom von Gottes Liebe durch mich hindurch, und ich sehne mich nach nichts anderem in dieser Welt.  

Am Morgen braucht Alex viel Zeit, bis er bereit ist, mit ins Badezimmer zu kommen. Oft sitzen wir einfach nebeneinander auf der Bettkante und machen einander Liebeserklärungen, bis es so weit ist. Dabei sehe ich uns beide im Kleiderschrank gespiegelt. Dieses Bild werde ich nie vergessen.