Hilfe annehmen? Das war nie Alexanders Art und auch nicht meine. Doch mit der Zeit konnte er nicht mehr selbst duschen, nicht mehr mit Geld umgehen. Wann ist der Moment gekommen, Kontrolle zu übernehmen? Und wie bewahrt man dabei die Würde eines geliebten Menschen, ohne sich selbst dabei zu verlieren?
Hilfe anzunehmen ist schwer – besonders für Menschen, die ihr Leben lang selbstständig waren.
Als Alex immer mehr Unterstützung benötigt, auch beim Duschen, wächst seine Scham. Einmal kommen zwei Pflegerinnen, um mich bei der täglichen Pflege zu entlasten. Sie möchten dabei zusehen, wie ich ihm helfe. Alex ist so wütend, dass sie sich zurückziehen müssen.
Seine zunehmende Desorientierung bringt es auch mit sich, dass ich seine Checkkarte wegnehme. Ich übernehme die Rechnungen – aber lasse ihn trotzdem noch zahlen, wenn wir im Café sitzen. Seine Geldbörse bleibt sein letztes Stück Eigenständigkeit. Er zahlt – und das Servicepersonal lässt ihn, ohne auszunutzen, dass er manchmal dreimal dasselbe bezahlen will.
Um seine Würde zu bewahren, entwickle ich kleine Tricks. Ich fotografiere ihn gerne – aber nicht von vorne. So sieht man in seinen Augen nicht, was ich längst sehe.
Hier schreibt: Susi Streichenberg
Bis März 2024 war Susi Streichenberg noch pflegende Angehörige eines von Alzheimer und vaskulärer Demenz betroffenen Ehemanns. Am aargauischen Pflegetag 2023 hat Sie ein Buch über den gemeinsamen Weg des Vergessens herausgegeben und gab ihm den Titel «Ich will deine Enge weit machen». Diese Erinnerungen hat sie im Selbstverlag veröffentlicht.
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