Mit meinem Mann war doch alles in Ordnung – oder? Ich habe es lange nicht sehen wollen. Erst eine beiläufige Bemerkung einer Freundin rüttelte mich wach. Ich beschliesse, dass wir uns die Lebenslust trotz dieser Tabu Diagnose nicht nehmen lassen werden. Nach der Diagnose-Eröffnung gehen wir essen. Wir bestellen eine unvergessliche asiatische Karotten Mango Suppe mit einer Riesencrevette und anschliessend eine Cremeschnitte.
Als mir Alexanders Blick 2012 plötzlich so anders erscheint, schreibe ich das der Staroperation zu. 2013 fragt mich eine Freundin: «Wie gehst du eigentlich mit dem Abbau deines Mannes um?» Ich erwache. Sein zunehmender Verlust, Menschen zu erkennen und Zusammenhänge zu schaffen, war für mich bis dahin nicht wahrnehmbar – oder ich wollte es nicht wahrhaben.
Zu Alexanders 80. Geburtstag schlage ich vor, dass wir doch das Auto verkaufen könnten. Seine Reaktionen sind nicht mehr die Gleichen. Auch wenn er das nicht besonders lustig findet, ist er schliesslich sogar bereit, auch seinen Ausweis abzugeben.
Natürlich erkläre ich kaum jemandem den wahren Grund und schwärme höchstens von der herrlichen Freiheit, mit dem ö.V. oder den Fahrrädern unterwegs zu sein.
Nach dem Motto: «Solange man nicht zum Arzt geht, ist man gesund.», lebe ich mit einem leicht schlechten Gewissen weiter ziemlich unbeschwert.
Doch die Zeichen häufen sich. Wenn wir an Veranstaltungen gehen, bei denen man die Anwesenden eigentlich kennen müsste, schickt Alex immer mich voran. Ich soll die Leute begrüssen – laut und deutlich – damit er ihre Namen mitbekommt.
Ich verschlinge Bücher zum Thema Demenz. Ein Satz bleibt mir besonders in Erinnerung: «Wenn wir Demenz entstigmatisieren, ergibt sich auch ein entspannter Umgang damit.»
Dass ich lange nicht die geringste Lust auf eine Abklärung hatte, kann aber durchaus auch als Realitätsverweigerung angesehen werden. Unser Hausarzt und eine Freundin, die in der Pflege arbeitete, halfen mir auf die Sprünge.
2018 lasse ich mich endlich überzeugen, in der Memory Clinic im Waidspital um einen Termin für die Diagnose zu bitten. Nach einer dreimonatigen Wartezeit bekommen wir drei Daten, an denen uns nach einer psychologischen und einer medizinischen Abklärung am dritten Tag feinfühlig erklärt wird, dass es sich bei Alexanders Zustand um eine gemischte Demenz aus Alzheimer und dem Wallenberg Syndrom als Folge eines Mikroinfarkts von 1990 handle.
Mit dieser Diagnose, die Alex überhaupt nicht zur Kenntnis nimmt, gehen wir an diesem strahlenden 24. September erst einmal ins Restaurant Waid. Hier geniessen wir die herrliche Aussicht auf den Zürichsee und die Alpen. Ich beschliesse, dass wir uns die Lebenslust trotz dieser Tabu Diagnose nicht nehmen lassen werden. Wir bestellen eine unvergessliche asiatische Karotten Mango Suppe mit einer Riesencrevette und anschliessend eine Cremeschnitte.
In der schriftlichen Diagnose, die zwei Tage später eintrifft, steht der mutmachende Satz: »Im Gespräch fiel der sehr wohlwollende und von Respekt geprägte gegenseitige Austausch des Ehepaars auf, welcher, wie der starke Glaube, auch in Zukunft eine grosse Ressource darstellen dürfte.»
Die Diagnose nimmt Alex, wie schon erwähnt, überhaupt nicht zur Kenntnis. «Ich bin kerngesund» erklärt er allen, die sich nach seiner Befindlichkeit erkundigen.
Hier schreibt: Susi Streichenberg
Bis März 2024 war Susi Streichenberg noch pflegende Angehörige eines von Alzheimer und vaskulärer Demenz betroffenen Ehemanns. Am aargauischen Pflegetag 2023 hat Sie ein Buch über den gemeinsamen Weg des Vergessens herausgegeben und gab ihm den Titel «Ich will deine Enge weit machen». Diese Erinnerungen hat Sie im Selbstverlag veröffentlicht.
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