Ich wusste, dass unser gemeinsamer Weg bald enden würde. Doch auf diesen Moment kann man sich nicht vorbereiten. Wir hatten das Glück, dass Alex zu Hause sterben konnte – ein Privileg, das längst nicht allen gewährt wird.
Hilfsbereitschaft ist ein besonderes Markenzeichen von Alexander. Jeder Mensch braucht seine Existenzberechtigung. Über seine Möglichkeiten, hilfreich zu sein, habe ich ihm einmal eine Liste gemacht. Seine Phantasie kannte aber keine Grenzen.
Besonders sein Ordnungssinn kann mich gelegentlich zum Wahnsinn bringen. Wenn wir spazieren, putzt er öffentliche Treppen, wenn wir Gäste haben, räumt er alles ab, was ich bereitgestellt habe. Wenn wir turnen, und er einen Faden auf dem Boden sieht, legt er einen Halt ein. Wir könnten sonst darüber stolpern.
Auch im Garten räumt er mit Leidenschaft auf. Als er am 15. Januar 2024 im Garten Blätter aufliest, verliert er das Gleichgewicht und fällt mit seiner rechten Seite auf eine Mauer. Bei diesem Sturz bricht er sich alle Rippen auf der rechten Seite. Seine Lunge füllt sich mit Blut und Wasser. Allerdings wissen wir das lange nicht. Am 3. 3. 24 darf er dank der Hilfe meiner Enkelin und deren Freundin aus dem Pflegefach zuhause sterben und heimgehen. In der Nacht vom 2. auf den 3. März, als Alex dank den Morphinspritzen schon nicht mehr wirklich da ist, sitze ich an seinem Bett und verinnerliche das folgende Lied: «Du bist mein Zufluchtsort, ich berge mich in Deiner Hand, denn du schützt mich Herr, wann immer mich Angst befällt, traue ich auf Dich. Ja ich trau auf Dich und ich spreche: ‘Ich bin stark aus der Kraft meines Herrn’. Das ist ein wunderbarer Proviant auf meinen weiteren Weg.
Zuhause sterben zu dürfen, ist ein grosses Privileg. Die Freunde kommen und nehmen Abschied vom sterbenden und heimgegangenen Alex. So war das früher eigentlich immer. Zu Hause sterben darf kein Tabu sein, wenn man die Möglichkeit dazu hat. Am Sonntagabend, nachdem Alex hinausgetragen worden ist, zieht unsere Tochter Annette das Pflegebett neu an und legt sich hinein. Sie hat ihren Vater in der vergangenen Zeit regelmässig begleitet. Nun will sie mich begleiten. Damit wird dem Sterbezimmer neues Leben eingehaucht. Für sie ist das kein Tabu.
Heute bin ich zutiefst dankbar, dass Alex durch den Sturz auf die Mauer das Los erspart wurde, seine Demenz bis zu seiner totalen Hilflosigkeit austragen zu müssen.
Hier schreibt: Susi Streichenberg
Bis März 2024 war Susi Streichenberg noch pflegende Angehörige eines von Alzheimer und vaskulärer Demenz betroffenen Ehemanns. Am aargauischen Pflegetag 2023 hat Sie ein Buch über den gemeinsamen Weg des Vergessens herausgegeben und gab ihm den Titel «Ich will deine Enge weit machen». Diese Erinnerungen hat sie im Selbstverlag veröffentlicht.
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