«Ich wollte mit dir alt werden», sagte Christian Inniger an einem Oktobertag 2022 zu seiner Frau Franziska. Das Ehepaar sass in einem Sprechzimmer der Memory Clinic Bern und hatte gerade erfahren, dass er Alzheimer hat. Die traurige Bemerkung war eine spontane Reaktion, erinnert sich Christian Inniger mehr als zwei Jahre später im Gespräch mit der «auguste». Vor unserem Gespräch hat er sich Notizen gemacht und sich bewusst ausgeruht, um fit und aufmerksam zu sein. Bis zum Schluss hoffte er damals, ein Burnout erkläre seine Symptome. Doch der Arzt überbrachte ihm die Diagnose «auf empathische Art», erzählt Christian Inniger.
Zuvor hatten in der Memory Clinic verschiedene Abklärungen stattgefunden. Als auch eine Nervenwasser-Untersuchung durchgeführt wurde, wurde ihm klar: Verdacht auf Alzheimer. Obwohl die Diagnose nicht unerwartet kam, war sie «im ersten Moment ein Schock», sagt Franziska Inniger. Denn nun stand es «unumstösslich» fest: «Chris hat Alzheimer, mit 56 Jahren.» Der Berner gehört zu über 8000 Frühbetroffenen in der Schweiz: Menschen, die vor dem Pensionsalter an Alzheimer oder einer anderen Form der Demenz erkranken.
Anspannung gelöst
Tausend Fragen schossen der Ehefrau durch den Kopf: Wie würde es weitergehen, im Alltag, beruflich, finanziell? Doch beide stellten in den folgenden Tagen fest: Die Anspannung vor der Diagnose löste sich. Es gab nun eine Erklärung für Christian Innigers auffallende Gedächtnislücken. Immer öfter war er mehrmals ins Haus zurückgekehrt, weil er das Portemonnaie, das Handy, die Jacke und dann den Schlüssel vergessen hatte. Er kannte plötzlich die Regeln des Gesellschaftsspiels nicht mehr, wusste nicht mehr, wie man die Mikrowelle bedient. In seinem Job in einem Betrieb der Arbeitsintegration, wo er für Buchhaltungsmandate zuständig war, kämpfte er mit Konzentrationsproblemen. Ihm unterliefen Fehler.
Abends kam er erschöpft heim und schlief noch vor dem Nachtessen ein. Er sei frustriert und gereizt gewesen, erzählt er. Es habe Streit gegeben, sagt seine Frau: «Das war vorher nicht unser Stil.» Irgendwann kam ihr der Gedanke, ob ihr Mann eine Demenz haben könnte. Als Leiterin eines Pflegeheims kennt sie die Thematik. Auch dachte das Ehepaar an einen Freund, der früh an Alzheimer erkrankte und nach zehn Jahren verstarb. Christian Inniger schlug schliesslich selbst vor, eine Memory Clinic aufzusuchen. Der Hausarzt überwies ihn.
«Schalter umgekippt»
Die Diagnose habe dann «einen Schalter umgekippt», wie Franziska Inniger es formuliert. Von da an stellten sie sich auf die Demenzerkrankung ein, trafen Vorkehrungen, fanden Wege, damit umzugehen. Als Christian Inniger Ende 2022 die Erwerbsarbeit aufgeben musste, fiel enormer Stress von ihm ab. Das wirkte sich sofort positiv auf seinen Zustand aus. Da das Ehepaar nie die traditionelle Rollenteilung lebte, hängt auch Christian Innigers Selbstwertgefühl nicht nur von der Berufstätigkeit ab, wie er feststellt.
«Es ist nicht das, was
wir uns gewünscht haben, doch
auch so ist Lebensqualität möglich.»
Franziska Inniger arbeitet weiterhin, ihr Mann kommt zu Hause noch selbstständig zurecht. Was er wissen muss, steht auf Zetteln, die in der Küche immer am gleichen Ort liegen. Sie ist «auf Stand-by», falls etwas wäre: «Und wenn einmal aus Versehen der Gefrierschrank offen bleibt, ist das kein Weltuntergang.» Christian Inniger führt, mit Digitaluhr samt GPS am Handgelenk, den Hund der Schwiegereltern aus und nimmt weiterhin am Dorfleben teil. Er leistet Freiwilligenarbeit in der lokalen Kirchgemeinde, wo er unter anderem eine Wandergruppe leitet. Das Umfeld weiss Bescheid über seine Erkrankung. Bei der Organisation der Wanderungen steht ihm inzwischen jemand zur Seite.
Das Leben auskosten
Auch die Nachbarschaft in der Siedlung im Dorf im Gürbetal ist hilfsbereit. Die beiden erwachsenen Kinder unterstützen die Eltern sehr. «Wir haben Glück», sagt das Ehepaar. Einmal pro Monat besucht Christian Inniger eine Gesprächsgruppe für Jungerkrankte von Alzheimer Schweiz. Der Austausch tue ihm sehr gut, sagt er. Zudem macht er in der Arbeitsgruppe «Impuls Alzheimer» mit. Er fühlt sich dadurch wertgeschätzt, sagt er. Wie sich seine Erkrankung entwickeln wird, wissen Innigers nicht. Ein Antidementivum stabilisiert derzeit seinen Alltag. Sie haben aber schon darüber diskutiert, dass er vielleicht einmal eine Tagesbetreuung braucht. Dass es für seine Ehefrau eine Grenze der Belastbarkeit gibt.
Aktuell kosten sie das Leben bewusst aus. Für den Herbst ist eine Reise per Camper durch die USA geplant, gemeinsam mit dem Sohn. Ein Leben mit Alzheimer: «Es ist nicht das, was wir uns gewünscht haben», sagen die beiden, «doch auch so ist Lebensqualität möglich.» Um dies zu zeigen, haben sie sich auch schon für einen grossen Zeitungsartikel zur Verfügung gestellt. Das brauchte Mut. Doch viele Menschen wissen wenig über Demenz und haben nur finstere Vorstellungen davon. Das stellen Innigers bei Reaktionen auf ihre eigene Situation oft fest. «Wir möchten unseren Beitrag zur Aufklärung leisten», sagen sie – und geben dadurch auch anderen Betroffenen Hoffnung.


Kommentare
Monrouzeau Catherine
2025-04-22C est la première fois que je réagis à un témoignage sur la maladie d Alzheimer. J ai juste envie de vous dire de profiter de chaque moment ensemble. Mon mari a été diagnostiqué en 2022 à 53 ans. Depuis, la maladie ne nous a plus laissé de répit, beaucoup de complications, nous n avons pas pu nous stabiliser et mon mari n a que très peu d autonomie aujourd'hui. Il faut beaucoup de courage au malade et au proche aidant pour affronter la situation. Je vous envoie bcp d ondes positives.
Alzheimer Schweiz
2025-04-22Sandra Zanetta
2025-04-25Mein Mann ist jedoch noch teilzeitig im Berufsleben und ich kann auch noch nach wie vor meiner Arbeit nachgehen, bis dass die Betreuung notwendig wird.
Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, sich mal mit einem Paar zu treffen, welches ebenfalls in dieser Situation ist oder war?
Herzlichen Dank und Grüsse
liliane Simon
2025-05-02Alzheimer Schweiz
2025-05-13Hier finden Sie eine Sammlung der aktuellen Angebote für Jungerkrankte und ihre Angehörigen: http://www.alz.ch/jungerkrankte
Herzliche Grüsse und viel Kraft