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Biografiearbeit vermindert Krisen

September 2026

Claudia Jegerlehner, Co-Geschäftsführerin von Validation Schweiz VA-CH®, befasst sich seit 30 Jahren mit Biografiearbeit.


Audio zum ganzen Interview

«auguste»: Claudia Jegerlehner, was ist Biografiearbeit?
Claudia Jegerlehner: Anders als bei einem Lebenslauf reiht man keine Berufsstationen auf, sondern erstellt eine emotionale Lebensgeschichte. Dazu stellt man einer betroffenen Person Fragen wie beispielsweise: Wo war sie glücklich? Welche Tätigkeiten haben sie erfüllt? Diese Erinnerungen schaffen Identität. Wenn die kognitiven Fähigkeiten nachlassen, können Menschen mit Demenz manchmal nicht mehr gut mit Dokumenten und Fotos umgehen. Darum ist es wichtig, alle Sinne einzubeziehen: Düfte, Musik und Berührungen. Wer Rosen liebt, erlebt mehr, wenn er draussen eine echte Rose anfassen und daran riechen kann, als wenn er nur ein Bild anschaut. Sinnliche Erfahrungen erreichen Menschen oft länger als Worte.
 

Wie geht man konkret vor?
Ressourcenorientierte Biografiearbeit ist ein lebensbegleitender Prozess mit Fokus auf die «Perlen des Lebens». Man fragt: Wann hast du gelacht? Worauf bist du stolz? Was hat dir geholfen, wenn es dir schlecht ging? Und ebenso: Was tut dir heute gut? Gerade bei einer Demenzerkrankung ist es wichtig, neue Lebenswelten zu entdecken, in denen Glück möglich ist. Nach einer Demenzdiagnose ist mein Leben nicht zu Ende, sondern meine Biografie wächst weiter und ich kann immer noch Schönes erleben. Neben der Ich-Identität gibt es für Paare und Familien auch eine Wir-Identität – gemeinsame Rituale, die allen Beteiligten Freude machen. Solche Elemente können Betroffene bewusst weiterpflegen. Sinnvoll ist festzuhalten, welche Ziele und Wünsche eine Person mit Demenz oder ein betroffenes Paar hat, und diese zeitnah umzusetzen. Empfehlenswert ist es, schöne Erinnerungen und Glücksmomente aufzuschreiben, ein Buch mit Fotos und Texten anzufertigen oder eine Fotocollage zusammenzustellen.
 

Was kann aus Biografiearbeit entstehen?
Ich begleitete ein Ehepaar, bei dem sich nach der Alzheimer-Erkrankung des Mannes die Rollen stark verschoben hatten und es viele Konflikte gab. Als ich fragte, wie sie sich kennengelernt haben und was sie verband, erzählten sie von ihren Reisen durch Südamerika – und von ihrer Hochzeitsreise nach Madeira. Plötzlich veränderte sich die Stimmung. Sie strahlten einander an. Schliesslich reisten sie nochmals nach Madeira, dank Unterstützung ihrer Tochter, welche sie dieses Mal begleitete. Diese Erinnerung an gemeinsame Werte gab ihrer Beziehung eine neue, liebevolle Richtung, die sie mit aktuellen, schönen Erlebnissen weiterentwickelten.
 

Welchen weiteren Nutzen bringt Biografiearbeit?
Zieht die betroffene Person in eine Institution, ermöglicht eine aufgeschriebene Biografie des Menschen einen anderen Empfang und eine personenzentrierte Alltagsgestaltung. Wer weiss, was jemand früher liebte, kann das Zimmer entsprechend einrichten, passende Angebote machen und ein Umfeld schaffen, in dem sich der Mensch wohlfühlt. Es ist nicht notwendig, Schicksalsschläge und frühere Probleme einer Person zu kennen. Es reicht zu wissen, was jemandem Freude macht. Bei der Validation, also der personenzentrierten, wertschätzenden Betreuung, sollte man die individuellen Vorlieben und Bedürfnisse der zu betreuenden Person vom ersten Tag an kennen. Die Biografie hilft ebenfalls dabei, Krisen zu vermindern. Denn solange ein Mensch zufrieden ist, gibt es keine Krisen. 

 

Anregungen zur Biografiearbeit

Wie soll man nach einer Diagnose vorgehen?

Zunächst braucht es viel Raum für die Gefühle wie Ratlosigkeit, Wut und Trauer. Gleichzeitig ist es wichtig, den Blick auch auf das zu richten, was noch möglich ist. Gerade am Anfang bleibt Zeit für gemeinsame Erlebnisse und Dinge die Freude machen, nutzen Sie diese Zeit. Aber auch offene Rechnungen wie Versöhnungen und das Erstellen von Dokumenten wie der Vorsorgeauftrag und die Patientenverfügung sind ratsam.
 

Informationen sammeln:

Richtiges Umfeld: Nehmen Sie sich für die Biografiearbeit mit Angehörigen Zeit in einer Umgebung, in der sich die betroffene Person wohlfühlt. Verwenden Sie bei Bedarf eine einfache Sprache und begleiten Sie diese mit nonverbalen und paraverbalen Elementen. Machen Sie kurze Gespräche, eine Biografie kann über Wochen erstellt werden. Seien Sie achtsam und nehmen Sie die Person wahr, um ein ganzheitliches Bild in die Biografie einfliessen zu lassen.

Inhalte: Korrigieren Sie keine Aussagen. Es geht nicht um eine Tatsachensammlung, sondern darum, Werte, Wünsche und Gewohnheiten der befragten Person zu ergründen: Was macht sie glücklich? Was bringt sie zum Lachen? Worauf ist sie stolz? Welche Tätigkeiten, Musik und Düfte mag sie? Halten Sie ihre Gewohnheiten fest wie ihre Eigenheiten, ihre Haltung und Lebenseinstellung. Arbeitsblätter von Validation Schweiz VA-CH®zum Erstellen einer Biografie lassen sich hier herunterladen.

Betroffene einbeziehen: Selbst wenn kognitive Fähigkeiten durch die Krankheit verloren gehen, sollten Menschen mit Demenz immer miteinbezogen werden. Passen Sie die Tätigkeiten, Handlungen, Dauer an, unterstützen Sie die Sprache mit Sichtbarem und Konkretem und lassen Sie viel Zeit. Ziehen Sie das Umfeld mit ein, manchmal kann eine Freundin oder Enkel aktiver zuhören und Verbindung aufbauen. Und, bitten Sie, statt zu fordern.

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