«auguste»: Herr Blunschi, wir führen dieses Gespräch im Frühling 2026. Wann bemerkten Sie die Demenzerkrankungen Ihrer Eltern?
Alex Blunschi: Mein Vater erhielt im Herbst 2024 die Diagnose vaskuläre Demenz. Anderthalb Jahre zuvor zeigten sich erste Anzeichen wie Wortfindungsstörungen. Er spürte das selbst und litt darunter. Später bemerkten mein Bruder und ich, dass es zwischen unseren Eltern häufiger zu Missverständnissen und Streit kam. Unsere Mutter konnte die Wortlücken unseres Vaters nicht mehr überbrücken. Wegen weiterer Auffälligkeiten drängten wir darauf, dass auch sie sich untersuchen liess. Das Ergebnis war eine Alzheimer-Diagnose.
 

Was bedeutet die doppelte Demenz-Diagnose für Sie als Sohn?
Ich war überrascht, wie schnell sich alles veränderte. Noch vor Kurzem reisten mein Bruder und unsere Eltern in die Türkei, ihre Lieblingsdestination. Noch vor Kurzem wanderte ich mit meinem Vater drei Tage in den Flumserbergen. Jetzt leben beide im Pflegeheim – meine Mutter auf eigenen Wunsch, der Vater widerstrebend. Da die Erkrankungen parallel fortschritten, wurden wir Söhne immer stärker eingebunden. Anfangs erledigte ich nebenbei das E-Banking für meine Mutter, doch nach und nach übernahmen wir alle administrativen und organisatorischen Aufgaben. Wir vereinbarten auch, dass sie uns ihre Post zeigten – sie bekommen viel, da sie in ihrer Stadt breit vernetzt sind und in Organisationen mitwirken.
 

Wann wurden Vorsorgeregelungen wie Vorsorgeauftrag und Patientenverfügung zum Thema? 
Nach einem akuten gesundheitlichen Vorfall meines Vaters wurden sie dringend. Wir hatten schon früher damit begonnen, doch die Dokumente blieben unvollständig. Für meine Eltern war es ein schwieriger Prozess – was ich gut nachvollziehen kann. Mit Jahrgang 1945 gehören sie zu einer Generation, die nicht gelernt hat, über Gefühle oder Tabuthemen wie Krankheit, Tod und Sterben zu sprechen. Mein Vater sagte nur, er werde eines Tages auf einem Berg tot umfallen – und das sei gut so. Da konnten wir ansetzen und erklären, dass es auch anders kommen könne und er auch an seine Familie denken müsse.
 

Sind die Dokumente inzwischen fertiggestellt?
Ja, nach der Demenzdiagnose meines Vaters schlossen wir sie zügig ab. Bei Punkten, die ihm wichtig waren, äusserte er sich klar, etwa bei einer finanziellen Regelung, die sicherstellen sollte, dass meine Mutter im Haus bleiben kann, falls er ins Heim muss. Es war ein intensiver Prozess, und am Ende waren wir alle emotional geschafft. Besonders die Frage in der Patientenverfügung, was man unbedingt noch erleben möchte, machte uns bewusst: Für die Eltern wird es wegen der Demenz keine grossen Erlebnisse mehr geben. Das war hart – für sie und für uns.
 

Haben Sie aus dieser Erfahrung etwas für Ihre eigene Vorsorge mitgenommen?
Ja, ein schlechtes Gewissen (lacht). Als Vater von zwei Töchtern weiss ich, dass ich vieles frühzeitig regeln könnte und sollte. Trotzdem setze ich mich an einem sonnigen Nachmittag lieber aufs Velo, als mich darum zu kümmern.


Mit einer Demenzerkrankung verschieben sich die Rollen in der Familie. Wie erleben Sie das?
Meine Eltern führten über 30 Jahre ein Sportfachgeschäft und lebten zu Hause eine klassische Rollenverteilung: Meine Mutter kümmerte sich um den Haushalt, inklusive Finanzen, mein Vater um alles ausserhalb. Nach seiner Diagnose änderte sich wenig, er erledigte weiterhin Gartenarbeiten. Als auch meine Mutter erkrankte, konnte er im Haushalt nicht einspringen. Die Rollenverschiebung fand zwischen den Eltern und uns Söhnen statt. Wir übernahmen immer mehr Verantwortung. Mit dem Umzug ins Pflegeheim entfiel zwar die Alltagsunterstützung, doch wir sind weiterhin mehrmals pro Woche bei ihnen – um sie zu Terminen zu begleiten oder einfach Zeit mit ihnen zu verbringen.


Wie empfinden Sie es, Fürsorge und Verantwortung für Ihre Eltern zu übernehmen?
Es ist zeitaufwendig neben dem Beruf, aber für mich ein logischer Schritt im Generationenvertrag. Meine Eltern haben viel für meinen Bruder und mich getan, ebenso für unsere Kinder, ihre sechs Enkelkinder. Jetzt geben wir Söhne etwas zurück. Natürlich würde ich ihnen lieber etwas Schönes wie etwa ein Wochenende im Berner Oberland zurückgeben. Doch das wäre zu viel Stress und ist nicht mehr möglich.


Was hilft Ihnen, mit der Rolle des betreuenden Sohns umzugehen?
Ich bin froh, die Aufgabe mit meinem Bruder teilen zu können. Wir besprechen vieles und sind uns in 49 von 50 Fragen einig. Hilfreich war am Anfang ein Info-Nachmittag für Angehörige von Alzheimer Schaffhausen. Als Co-Host des Demenz-Podcasts «Chopfsach» kann ich meine Fragen inzwischen direkt an die Expertin Judith Kronbach richten – stellvertretend für viele andere Angehörige. Humor hilft ebenfalls. Meine Mutter bleibt empfänglich für Ironie, was bei Besuchen ihrer Teenie-Enkelkinder erfrischend spürbar wird. Auch zwischen meinem Bruder und mir fallen manchmal Sprüche – sie dienen unserer Psychohygiene.


Nutzen Sie die Biografie Ihrer Eltern bei der Betreuung?
Nicht im Sinne von Biografiearbeit. Aber mein Wissen über ihre Lebensgeschichte hilft mir, ihr Verhalten besser zu verstehen. Mein Vater führte ein Leben lang ein eigenes Geschäft und traf täglich Entscheidungen. Jetzt haben wir entschieden, dass er nicht mehr allein zu Hause leben kann – auch weil ihm krankheitsbedingt zum Teil die Einsicht fehlt. Dass ihm das nicht gefällt, verstehe ich gut. Beeindruckend finde ich, wie positiv manche biografischen Elemente wirken. Beim gemeinsamen Schauen eines Tennis-Matches im Fernsehen kommentiert er das Spiel kompetent und spricht flüssig. Meine Mutter blüht bei Kultur auf, etwa klassischer Musik.


Was ist Ihr wichtigster Rat für andere betreuende Angehörige?
Nicht versuchen, alles im Griff zu haben. Das ist bei einer Demenz unmöglich – wie auch ich lernen musste. Mir hilft es, Prioritäten zu setzen und eine Situation nach der anderen zu lösen. Wenn es gerade vorrangig um die Gesundheit meiner Eltern geht, bleibt das Auto meiner Mutter eben ein halbes Jahr ungenutzt in der Garage. Auch müssen wir Angehörigen manchmal auf Situationen reagieren oder Entscheidungen treffen, ohne in diesem Moment zu wissen, ob wir richtig vorgehen. Da sollten wir nicht zu streng mit uns selbst sein.