«auguste»: Wie viele Menschen mit Migrationshintergrund in der Schweiz sind an Demenz erkrankt? 
Sanja Ilic: Genaue Zahlen fehlen. Der EU-Atlas «Demenz und Migration» schätzte vor wenigen Jahren, dass in der Schweiz etwa 25 400 Menschen mit Migrationshintergrund eine Demenzerkrankung haben – von insgesamt 368 300 Migrantinnen und Migranten im Rentenalter. 
 

Was weiss die Forschung über den Zusammenhang zwischen Migration und Demenzrisiko? 
Viele der heute älteren Migrantinnen und Migranten kamen als Arbeitskräfte in die Schweiz. Sie waren harten Arbeits- und Lebensbedingungen sowie psychosozialen Belastungen ausgesetzt, etwa durch die Trennung von der Familie und Fremdheitsgefühle. Lang anhaltender Stress kann die Anpassungsfähigkeit des Gehirns beeinträchtigen. Einige Veröffentlichungen diskutieren dies als möglichen Risikofaktor für Demenz.
 

Beeinflusst der Migrationshintergrund den Umgang mit Demenz?
Ja, Menschen mit Migrationshintergrund und Demenz sind eine besonders verletzliche Gruppe für Unter- oder Fehlversorgung. Viele Angebote sind nicht bedarfsgerecht oder passen nicht zu ihren Lebenswelten. Dadurch werden Unterstützungsleistungen oft gar nicht oder erst spät genutzt. Hinzu kommen finanzielle Hürden, da viele Migrantinnen und Migranten geringe Einkommen haben. 
 

Welche migrationsspezifischen Herausforderungen gibt es bei der Diagnose?
In manchen Familien wird Gedächtnisverlust als normale Alterserscheinung abgetan. In einigen Gemeinschaften sind Demenzsymptome stark stigmatisiert, gelten als Zeichen von «Verrücktheit» oder werden spirituell als Gottesstrafe gedeutet. Dadurch lassen sich Betroffene erst spät medizinisch abklären. Sprach- und Kulturbarrieren erschweren die Diagnostik zusätzlich. Viele der gängigen Tests sind für Menschen aus ethnischen Minderheiten oder mit geringer Schulbildung ungeeignet, was zu verfälschten Ergebnissen und Fehldiagnosen führen kann. Dolmetscherdienste, die hier helfen könnten, werden von den Krankenkassen nicht bezahlt.


Wie wirkt sich der Migrationskontext auf den Krankheitsverlauf aus?
Demenz kann traumatische Lebens- und Migrationserfahrungen reaktivieren. Viele Betroffene verlieren zudem ihre Zweitsprache und sprechen wieder ihre Muttersprache, was die Kommunikation und die Betreuung erschwert. Die Krankheit verstärkt Unsicherheit und Fremdheit. Viele Menschen mit Migrationshintergrund erlebten bei der Ankunft im Gastland ein Gefühl der Fremdheit. Durch die Demenz kann dieses Gefühl erneut auftreten – man spricht von doppelter Fremdheit. Diese verstärkt sich nochmals, wenn Einrichtungen sprachliche und kulturelle Bedürfnisse nicht berücksichtigen. Einsprachige Angebote und ungewohnte Aktivitäten können dazu führen, dass Betroffene sich unverstanden oder ausgeschlossen fühlen.
 

Gibt es auch Schutzfaktoren durch den Migrationshintergrund, etwa starke Familienbande?
Ja, enge Familiennetze können eine Ressource sein. Viele Familien organisieren die Betreuung gut und verteilen die Aufgaben. Gleichzeitig ist die Pflege eines älteren Familienmitglieds in vielen kulturellen und religiösen Kontexten eine moralische oder traditionelle Verpflichtung, die oft Frauen übernehmen. Diese starke familiäre Pflicht kann zu zusätzlicher Belastung und Überforderung führen.
 

Wie können Menschen mit Migrationsbiografie und Demenz besser unterstützt werden? 
Eine Fachperson sagte mir einmal: «Wir behandeln alle gleich.» Sie meinte damit Fairness und gleichen Zugang – egal, ob jemand Schweizerin, Schweizer ist oder Migrationshintergrund hat. Das ist gut gemeint, doch Menschen mit Migrationsgeschichte bringen eigene sprachliche, kulturelle und biografische Bedürfnisse mit. Deshalb braucht es kultursensible Angebote in Beratung, Pflege, Alltagsbegleitung, Tagesstätten und Heimen.
 

Was bedeutet das konkret?
Interkulturelle Kompetenz beginnt mit Offenheit und Empathie. Ein Arzt sagte mir einmal, er verstehe nicht, warum Menschen, die seit Jahrzehnten in der Schweiz leben, kein Deutsch sprechen. Dabei wird oft vergessen, dass in den 1960er- und 1970er-Jahren Integration für die «Gastarbeiter» nicht vorgesehen war. Umso wichtiger ist es heute, nicht vorschnell zu werten, sondern zu verstehen. Fachpersonen sollten fragen, zuhören und mit den Betroffenen nach Lösungen suchen: Wie erlebt dieser Mensch die Demenz? Gibt es eine kulturell bedingte Scham, über die Krankheit zu sprechen?
 

Was tun, wenn das der Fall ist?
Bei Verständigungsproblemen hilft es oft, eine muttersprachliche oder kulturell nahe Fachperson beizuziehen, um Vertrauen aufzubauen. Zusätzlich kann die Zusammenarbeit mit Gemeinschaften, religiösen oder kulturellen Organisationen – etwa Moscheen oder Vereinen – helfen, über Demenz zu informieren und Barrieren abzubauen.
 

Wie können Einrichtungen kultursensible Elemente im Alltag umsetzen?
Das Umfeld lässt sich mit einfachen Mitteln kultursensibel gestalten. Vertraute Musik, Gegenstände, Düfte oder Speisen aus dem Herkunftsland geben Sicherheit und fördern Erinnerungen. Kurze Aktivierungen in der Muttersprache, etwa mit Sprichwörtern, Geschichten oder Liedern, stärken Orientierung und Zugehörigkeit. Mitarbeitende mit eigener Migrationserfahrung sowie Angehörige oder Freiwillige aus den jeweiligen Gemeinschaften können hier wertvolle Brücken bauen. Es geht um Chancengleichheit – und um gesellschaftliche Verantwortung.
 

Worin besteht diese Verantwortung?
Die Sozialpsychologin und Gerontologin Christa Hanetseder schreibt: «Diese Menschen haben ihr Leben lang unsere Strassen gebaut, unsere Wohnungen und Büros geputzt, in unseren Spitälern und Heimen gearbeitet, unsere Kinder gehütet. Sie gehören zu uns und müssen genauso am Gesundheitswesen partizipieren dürfen wie wir Einheimischen.» Das bringt es auf den Punkt.
 

Pflegende mit Migrationshintergrund
Es ist eine Erfahrung aus der Praxis: Wenn Pflegende mit Migrationshintergrund alteingesessene Schweizerinnen und Schweizer mit Demenz betreuen, entstehen manchmal Missverständnisse. Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und gegenseitige Anpassung sind generell Herausforderungen im Kontakt zwischen älteren Menschen und migrantischen Pflegekräften, erklärt Pflegeexpertin Sanja Ilic. In der Demenzpflege wirken sie sich besonders stark aus: «Für Menschen mit Demenz in frühen und mittleren Stadien sind Sprache, biografische Anknüpfungspunkte, kulturelle Rituale, Musik und Folklore entscheidend, um ihre Identität und ihren Selbstwert zu bewahren und sich geborgen zu fühlen.» Fehlt es an Verständigung und kultureller Resonanz, verstärkt dies Gefühle von Fremdheit und Verunsicherung. In späten Stadien hingegen, so Ilic, tritt die nonverbale Kommunikation in den Vordergrund: Berührung, Tonfall, Präsenz und Mimik. Dann zählen Zugewandtheit, Empathie und sensorische Reize wie Musik und Düfte.  

Pflegende mit Migrationshintergrund berichten von hoher Motivation, erleben aber auch Diskriminierung und mangelnde Unterstützung. «So, wie das Pflegepersonal insgesamt für die Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund sensibel sein muss, brauchen Pflegefachpersonen mit eigener Migrationserfahrung Unterstützung, um die kulturelle Verwurzelung von Schweizerinnen und Schweizern zu verstehen», sagt die Expertin. Sie empfiehlt Sprach- und Dialektkurse sowie Einführungen in die Schweizer Alltagswelt mit Traditionen, Jahresritualen und Volksliedern. Während der Einarbeitung sollten migrantische Pflegekräfte zudem erfahren, wie biografieorientierte Pflege in der Schweiz umgesetzt wird. «Auch Teamreflexionen und kultursensible Weiterbildung fördern den Austausch», fügt Ilic an.