
Prof. Dr. med. Marc Sollberger, Facharzt für Neurologie, ist seit über zwanzig Jahren in der Frühdiagnostik demenzieller Krankheiten tätig. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Früherkennung der frontotemporalen Demenz.
Herr Sollberger, Alzheimer oder vaskuläre Demenz sind irreversibel. Warum braucht es Ihre fachärztliche Diagnose?
Auch wenn diese Krankheitsformen irreversibel sind, gibt es medikamentöse und nicht-medikamentöse Möglichkeiten, um die Lebensqualität der Betroffenen und Angehörigen zu verbessern. Abgesehen davon kann es auch etwas anderes sein. Je nach Ursache sind sehr gute therapeutische Möglichkeiten vorhanden.
Was kann, neben Hirnerkrankungen, kognitive Probleme verursachen?
Etwas, woran man nicht unbedingt denkt, ist das Schlafapnoe-Syndrom. Dabei kommt es während des Schlafs zu Atempausen. Man ist tagsüber müde, nimmt immer mal wieder Sachen nicht richtig auf. Dies liegt an der Müdigkeit, doch man denkt, Gedächtnisprobleme zu haben. Diese verschwinden, wenn die Schlafapnoe behandelt wird.
Oder jemand ist depressiv, mit den Gedanken abwesend und merkt: Vergesslich bin ich auch noch. Wird die Depression behandelt, gehen die kognitiven Probleme zurück. Ich erinnere mich auch an einen Patienten, bei dem sich herausstellte, dass ein schlechtes Hörvermögen die Ursache für seine «Vergesslichkeit» war. Was nicht gehört wird, kann nicht erinnert werden.
Und wenn Sie tatsächlich eine hirnbedingte Demenz finden?
Dann gibt die Diagnose Sicherheit: Ja, es ist eine kognitive Störung da, und sie hat einen Grund. Der Abklärung geht oft eine stressreiche Phase voraus, die die Beziehung belasten kann. Im Falle etwa von Alzheimer fragt Ihr Partner ständig nach, und Sie denken: Warum hört er mir nie zu? Mit der Diagnose wird Ihnen klar, dass er sich die Informationen schlicht nicht mehr merken kann. Dieses Wissen macht Sie als Angehörige toleranter. Sie passen Ihr Verhalten an, was sich positiv auf das Zusammenleben auswirkt. Durch eine Diagnose können zudem wir Fachpersonen Betroffene und Angehörige viel konkreter beraten.
Wie erhält man einen Termin für die Memory Clinic, und wie alt sind die Menschen, die Sie abklären?
Wir sind eine spezialärztliche Institution. Unsere Patientinnen und Patienten werden uns von ärztlichen Praxen, meist Hausarztpraxen, für eine vertiefte Abklärung zugewiesen. Ich plädiere dafür, im Zweifelsfall zu überweisen, um bei der Diagnose und den Therapiemöglichkeiten so früh und sicher wie möglich zu sein. Umso mehr, als es bei uns um Früherkennung von Hirnkrankheiten geht. Die grösste Gruppe unserer Patienten ist zwischen 75 und 85. Wir klären aber auch Personen in ihren Vierzigern und über 90-Jährige ab.
Wie verläuft die Abklärung?
Als Erstes erfolgt eine neuropsychologische Untersuchung, die drei bis vier Stunden dauern kann. Im Gespräch wird der jetzige Zustand erfragt, die Psyche, das Verhalten. Hier ist es ganz wichtig, auch die Angehörigen zu befragen. Die Betroffenen selber realisieren manchmal nur noch teilweise, was sich verändert hat. Danach wird die kognitive Leistungsfähigkeit getestet: Gedächtnis, Sprache, räumliches Vorstellungsvermögen und so weiter.
Wie beurteilen Sie, wo jemand kognitiv steht, und wie geht es danach weiter?
Wir verfügen über standardisierte Testwerte für kognitiv gesunde Bevölkerungsgruppen: Frauen und Männer unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Ausbildungsdauer. So können wir einschätzen, wo – zum Beispiel – eine 75-jährige Frau mit höherer Ausbildung steht. Nach der Neuropsychologie folgt zu einem späteren Zeitpunkt eine medizinische Untersuchung. Hier konzentrieren wir uns auf weitere Funktionen des Gehirns, wie zum Beispiel die Sehkraft, das Gehör, die Muskelkraft, feinmotorische Fähigkeiten oder den Gang. Auch Blutanalysen gehören dazu. Dann folgt der dritte Termin, die Bildgebung des Gehirns.
Warum veranlassen Sie eine Bildgebung*?
Um zu schauen, ob eine Hirnkrankheit vorliegt, die die Beschwerden erklären kann – zum Beispiel ein Hirntumor, Narben nach teilweise unbemerkten Durchblutungsstörungen oder Blutungen, ein Schwund von Hirngewebe. Wenn alle Befunde vorhanden sind, treffen sich die beteiligten Fachpersonen und besprechen den Fall. Meistens können wir dann schon eine Diagnose stellen. Falls nicht, führen wir teilweise zusätzliche Abklärungen durch, etwa eine Nervenwasser-Untersuchung bei Verdacht auf Alzheimer. Im Nervenwasser finden sich schon in einem frühen Stadium Anzeichen für die typischen Eiweiss-Ablagerungen.
«Es ist enorm wichtig,
sich nach der Diagnose
aufgefangen zu fühlen.»
Falls Sie eine Form hirnbedingter Demenz feststellen: Wie teilen Sie die gefürchtete Diagnose mit?
In unserer Memory Clinic verwenden wir den Begriff Demenz seit längerem nicht mehr. Wir sprechen von einer majoren – das heisst alltagsrelevanten – neurokognitiven Störung. Denn erstens setzen die Leute Demenz sehr häufig mit Alzheimer gleich, was falsch ist. Demenz ist keine Krankheit, sondern die Folge von Krankheiten, wobei Alzheimer eine häufige, aber nicht die einzige Ursache ist. Zweitens kann der Begriff Demenz stigmatisierend sein, und er wird mit hohem Alter gleichgesetzt. Es können aber junge Personen betroffen sein, etwa nach einem Schädel-Hirn-Trauma oder einer Hirnblutung.
Wie reagieren die Betroffenen auf die Diagnose?
Das hängt von der Persönlichkeit sowie von der Art der Diagnose und dem Schweregrad der kognitiven Störung ab. Je nachdem teile ich die Befunde mehr oder weniger ausführlich mit. Wenn die Betroffenen sich bei fehlender Krankheitseinsicht gesund fühlen, sind sie teilweise gar nicht interessiert an der Diagnose. Dann bespreche ich mich mit den Angehörigen, die in solchen Fällen umso belasteter sind.
Was vermitteln Sie Angehörigen und Betroffenen etwa nach einer Alzheimer-Diagnose?
Ich sage ihnen, dass dies keineswegs das Ende ist und man einiges machen kann. Bei Alzheimer gibt es zugelassene Medikamente, die die Krankheit zwar nicht heilen, aber die Zunahme der kognitiven Störung bremsen können. Ich erwähne auch nicht-medikamentöse Therapien wie zum Beispiel Gedächtnistraining.
Im Anschluss an das Diagnosegespräch haben die Angehörigen die Möglichkeit, sich in Abwesenheit der betroffenen Person beraten zu lassen, sei es spitalintern oder bei Alzheimer beider Basel, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Der Folgetermin hilft den Angehörigen, die Diagnose zu verarbeiten und offene Fragen zu klären. Es ist enorm wichtig, sich nach der Diagnose aufgefangen zu fühlen. In der Schweiz haben wir das Glück, dass es eine Vielzahl von Netzwerken gibt, die Betroffene und Angehörige weiterbetreuen.
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* Bildgebung bezeichnet die visuelle Darstellung von Körperstrukturen und -funktionen durch Röntgen, CT oder MRT


Kommentare
Peter Müller
2025-07-21betroffen bin. Können Sie mir bitte nähere Informationen mitteilen.
Ich wohne in Winterthur.
Ich wurde bereits durch die Memory Klinik in Winterthur abgeklärt.
Freundliche Grüsse
Peter Müller
Alzheimer Schweiz
2025-07-25Eine persönliche Antwort auf Ihre Fragen haben wir bereits direkt per E-Mail geschickt. Informationen rund um Abklärung und Diagnosestellung finden sich in unserem Infoblatt: www.alzheimer-schweiz.ch/fileadmin/dam/Alzheimer_Schweiz/Dokumente/Publikationen-Produkte/IB_163_D_03_Abklaerung_Diagnose_2022.pdf
Für weitere Fragen steht Ihnen das Beratungsteam von Alzheimer Schweiz, unter 058 058 80 00 von Mo-Fr von 8-12Uhr und von 13.30-17Uhr gerne zur Verfügung.
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Alzheimer Schweiz