Mit dem Älterwerden ist es normal, dass wir langsamer werden oder gelegentlich kurzfristig etwas vergessen – sei es einen Namen oder einen Termin. Meist fallen uns diese später wieder ein. Bei Alzheimer beispielsweise verschlechtert sich das Gedächtnis kontinuierlich. Oft kommen Schwierigkeiten hinzu, sich zu orientieren, das passende Wort zu finden oder gewohnte Aufgaben selbstständig zu erledigen. Auch Veränderungen im Verhalten und der Persönlichkeit können auf eine Demenz hinweisen.
Betroffene nehmen die Veränderungen zunächst meist selbst noch wahr, verdrängen diese aber häufig. «Der Gedanke, ernsthaft erkrankt zu sein, verunsichert und löst Ängste aus», erklärt Irene Lagger, Fachberaterin Demenz bei Alzheimer Schweiz und Psychotherapeutin. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass es schwerfällt und oft auch ein längerer Prozess ist, sich eine mögliche Erkrankung einzugestehen.
Warum eine Diagnose sinnvoll ist
Nicht immer steckt eine Demenz hinter den Auffälligkeiten. Andere körperliche oder psychische Erkrankungen können ähnliche Symptome verursachen, so etwa Schilddrüsenerkrankungen oder Depressionen. Lagger rät daher, sich bei anhaltenden Symptomen frühzeitig ärztlich untersuchen zu lassen, um Klarheit zu schaffen und behandelbare Ursachen zu identifizieren.
«Warum soll ich mich testen lassen, wenn es ohnehin keine Heilung gibt?» Diese Frage hören die Beraterinnen am Alzheimer-Telefon oft. Doch eine frühzeitige Diagnose bietet entscheidende Vorteile: Zum einen kann zeitnah eine Behandlung gestartet werden, die den Krankheitsverlauf zumindest verzögert. Je früher Medikamente und/oder nicht-medikamentöse Ansätze eingesetzt werden, desto länger können Selbstständigkeit und Lebensqualität erhalten bleiben. Zum anderen ermöglicht eine Diagnose den Zugang zu geeigneten Unterstützungsleistungen und ist für einige Behandlungen auch Voraussetzung für die Kostenübernahme durch die Krankenkasse.
Eine Demenzdiagnose löst oft einen Schock aus, doch sie bringt auch Klarheit. «Die Veränderungen haben einen Namen und sind so besser fassbar. Zu wissen, warum etwas anders ist als früher, verringert Spannungen und Missverständnisse im Alltag und fördert das Verständnis im sozialen Umfeld», erklärt Lagger. Zudem können Erkrankte und Angehörige nun die nächsten Schritte angehen sowie rechtzeitig rechtliche und finanzielle Vorkehrungen treffen, wie etwa eine Patientenverfügung oder einen Vorsorgeauftrag erstellen.
Was Betroffene nach der Diagnose brauchen
Eine Diagnose stellt Erkrankte und ihre Familien vor eine emotionale Herausforderung. «Die Krankheitsbewältigung ähnelt oft einem Trauerprozess», so Lagger. Viele durchlaufen Phasen von Schock und Verleugnung, Wut und Frustration, Trauer und Verzweiflung bis hin zu Akzeptanz und Neuorientierung. Emotionale Unterstützung, das Bewahren von sozialen Kontakten sowie ein geregelter Tagesablauf mit vertrauten Aktivitäten geben Halt. «Gerade im frühen Stadium der Erkrankung können Betroffene noch viele Aufgaben selbstständig bewältigen, was ihr Selbstwertgefühl stärkt», betont die Psychologin.
Auch Angehörige sind enorm gefordert und oft verunsichert. «Die Begleitung eines geliebten Menschen kann rasch auch überfordern», weiss Lagger. Wichtig sei es deshalb, sich gut über die Krankheit zu informieren und sich beraten zu lassen. Dies kann Unsicherheit verringern und helfen, der erkrankten Person mit mehr Verständnis und Empathie zu begegnen. Auch Gesprächsgruppen und Entlastungsangebote können den Alltag erleichtern. Ebenso entscheidend ist es, im Krankheitsverlauf ein unterstützendes Netzwerk aufzubauen, sei es in der Familie, mit Freunden oder durch professionelle Pflegekräfte. «Nur wer gut auf sich selbst achtet, kann langfristig auch für andere da sein», meint Lagger.


Kommentare
birgit
2025-06-12