Wie alles begann
Irgendwann merkte ich, dass etwas nicht mehr stimmt. Kleine Unsicherheiten, Vergesslichkeit, das mehrmalige Nachfragen – und dennoch blieb mir manches unklar. Der eigentliche Augenöffner war ein Gespräch mit meinem Vorgesetzten, das ich über Nacht vollständig vergessen hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits informiert, weil ich mich in vielem wiedererkannte – ich vermutete zunächst ein Burnout. Gleichzeitig begann ich, mich mit anderen Menschen zu vernetzen, allerdings ohne den Gedanken, ernsthaft krank zu sein. Es war eher eine vorsorgliche Massnahme.
Mein Hausarzt nahm meine Beobachtungen ernst. Erste Labortests zeigten unauffällige Befunde, deshalb folgte die Überweisung zum Neurologen. Auch die neuropsychologischen Tests ergaben kein klares Resultat. Gemeinsam mit meinem Mann und dem Neurologen entschied ich mich zu einer Lumbalpunktion. Erst durch die Untersuchung der Biomarker wurde klar, was mit mir los war.
Ein halbes Jahr später – ich war 55 – erhielt ich im Beisein meines Mannes die Diagnose: Alzheimer, eine Frühdemenz. Auch wenn sich erste Hinweise bereits abgezeichnet hatten, traf mich der Moment hart. Ich musste den Schock zuerst verdauen. Rückblickend wurde der Beginn meiner Erkrankung sogar über fünf Jahre früher angesetzt – zu dem Zeitpunkt, als ich 2020 nach einem Snowboardunfall auf der Piste liegen geblieben war. Obwohl ich damals mit Ersthelfern und meiner Familie gesprochen hatte, ist die Erinnerung daran fast vollständig verschwunden.
Wie ich den Alltag bewältige
In den ersten Tagen nach der Diagnose half mir nichts. Zweifel, Selbstzweifel und die grosse Frage nach dem «Warum ich?» bestimmten mein Denken. Wie es weitergehen sollte, war völlig offen.
Heute hilft es mir, so oft wie möglich Notizen zu machen – auch wenn nicht immer alles am richtigen Ort landet. Manchmal frage ich nach, aber das fällt mir nicht leicht. Wer gibt schon gerne zu, etwas ständig zu vergessen? In meinem beruflichen Umfeld gelingt der Alltag nur mit Offenheit, Unterstützung und der Bereitschaft, Aufgaben abzugeben.
Karate als Kraftquelle und warum es mir so viel bedeutet
Nebst meiner kleinen Familie ist das wöchentliche Karatetraining meine wichtigste Stütze für die Kopffitness. Ich begann mit dem Training vor meinem zwanzigsten Geburtstag. 1993 erlangte ich meinen ersten Schwarzgurt (Dan). Nach einer längeren Pause und der Familiengründung fand ich über das Kinderkarate zurück – mit dem Ziel, den 2. Dan zu schaffen.
Während der Vorbereitung wurde jedoch klar, dass bei mir Defizite bestehen. Viele Abläufe im Karate ähneln sich; Fehler passieren schnell. Bei mir kam das aber immer häufiger vor – eine Herausforderung, die sich mit der Diagnose erklären liess. Es stellte sich die Frage, ob die Prüfung überhaupt noch möglich wäre.
Unterstützung, die mich getragen hat
Meine Karate-Freundin, selbst in der Vorbereitung zum 3. Dan, unterstützte mich enorm. Sie war nicht nur meine Sparring- und Kampfpartnerin, sondern konnte mein komplettes Prüfungsprogramm auswendig – zusätzlich zu ihrem eigenen, noch umfangreicheren. Sie organisierte sogar eine zweite Sparringspartnerin, damit ich mich ganz auf mich selbst konzentrieren konnte.
Ich kommunizierte mein Defizit offen und legte die Prüfung mit einer genügenden Note ab. Die Freude darüber war gross. Eine weitere Prüfung wird es für mich nicht geben, aber Karate bleibt ein wichtiger Teil meines Lebens. Es hält meinen Kopf wach und gibt mir Sicherheit. Kihon und Katas mag ich heute noch genauso wie früher. Sie fordern meinen Kopf und geben mir Halt. Das Kämpfen hingegen ist mir inzwischen zu schnell, deshalb fühle ich mich in den technischen Trainings wohler.
Meine Familie und meine Karatefamilie geben mir Halt und Gemeinschaft
Meine kleine Familie bedeutet mir alles. Meine beiden Mannen wissen am besten, wie sie mich auffangen können – sei es bei unvorhergesehenen Situationen oder Rückschlägen. Sie unterstützen mich auch darin auszuhalten, dass das in der Schweiz produzierte, aber noch nicht zugelassene Alzheimer-Medikament für mich nicht passen wird.
Auch meine Karatefamilie trägt mich. Viele wissen um meine Situation. Das ändert nichts am Zusammenhalt – im Gegenteil. Sie helfen mir, im Training dranzubleiben, selbst wenn manches nicht mehr so «rund» läuft wie früher. Was auch immer passiert: Es wird gemeinsam getragen, mit Humor genommen, gefeiert oder betrauert. Genau so, wie man es in guten Vereinsfamilien lebt.
Nach vielen Jahren Pause wieder aufgenommen zu werden, war für mich berührend. Meine Diagnose spielt dabei eine Nebenrolle. Entscheidend sind das gemeinsame Training und die Verbundenheit im Club – dort, wo viele meiner «alten Bekannten» sind. Es ist meine zweite Familie.
Zuversicht für mich und andere
Natürlich hoffe ich auf Medikamente, die den Verlauf bremsen könnten. Und ich wünsche mir weitere gemeinsame Jahre mit meiner Familie.
Eine frühe Diagnose ist schwer zu verkraften und noch schwerer anzunehmen. Wir haben als Familie beschlossen, offen damit umzugehen – in der Hoffnung, Akzeptanz und Verständnis zu schaffen. Und in der Hoffnung, dass es bald wirksame, lebensverlängernde oder vielleicht sogar heilende Möglichkeiten gibt.


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