«Ich bin Silvia, 74 Jahre alt. Mein Leben lang war ich in der Kommunikation zu Hause – jetzt zwingt mich die Diagnose Alzheimer zu einem Perspektivenwechsel.


Ich war nie krank. Doch ab 70 häuften sich plötzlich die Momente, in denen ich Dinge vergass. Sollte ich das medizinisch abklären lassen? Der MoCA-Test war unauffällig, trotzdem blieb das Gefühl. Zwei Jahre später folgte ein umfassender neuropsychiatrischer Test. Danach war klar: Stufe 3 einer degenerativen Demenz. Alzheimer, in milder Form. Ich hatte Angst. Doch meine Neugier blieb und trieb mich an.


Also begann ich, mit Menschen in meinem Umfeld zu reden. Doch die meisten reagierten verlegen oder abwehrend. «Man merkt doch gar nichts», heisst es oft. Es scheint einfacher, über Krebs zu sprechen als über Demenz. Das macht mich traurig – denn ich möchte reden. Noch finde ich die Worte.


Demenz zwingt mich, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Was will ich bewahren? Was darf ich loslassen? Ist Vergessen vielleicht auch eine Art von Freiheit? Nietzsche sprach von der ‹aktiven Macht des Vergessens›. Eine tröstliche Vorstellung: Schmerzhaftes hinter sich lassen. Selektiv vergessen. Die erste Liebe behalten, den Missbrauch vergessen. Wäre das nicht grossartig?


Noch geht es mir gut. Ich finde meistens die Worte, orientiere mich, kann mich an vieles erinnern. Aber ich spüre, wie sich mein Blick auf das Leben verändert. Ich weiss: Ich will sprechen. Solange ich es noch kann.»