Soziale und strukturelle Faktoren erhöhen das Demenzrisiko von Frauen. Wirtschaftliche Ungleichheiten spielen dabei eine zentrale Rolle: Frauen verdienen im Durchschnitt weniger als Männer, arbeiten häufiger in Teilzeit oder unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit, um Angehörige zu pflegen. Dadurch verdienen sie weniger, haben eine schlechtere Altersvorsorge und verlieren oft die eigene Gesundheit aus den Augen. Dieser chronische Stress kann ihr eigenes Demenzrisiko langfristig steigern und lässt über Generationen einen Kreislauf weiblicher Belastung entstehen. 

Die unsichtbare Last der Pflege
Zudem übernehmen Frauen nach wie vor den Grossteil der Pflegetätigkeiten – auch in entwickelten Ländern sind rund zwei Drittel aller pflegenden Angehörigen weiblich. Oft betreuen jüngere Frauen ältere Angehörige mit Demenz und sind dabei über Jahre einem hohen Mass an körperlichem und emotionalem Stress ausgesetzt. 

Auch in der professionellen Pflege leisten Frauen den grössten Beitrag. Dennoch wird Pflegearbeit, ob bezahlt oder unbezahlt, gesellschaftlich und ökonomisch weiterhin unzureichend anerkannt und wertgeschätzt. Trotz ihrem Engagement im Pflege- und Gesundheitssektor erhalten Frauen häufig tiefere Löhne, haben weniger Aufstiegsmöglichkeiten und sind in Führungspositionen nach wie vor untervertreten. 
 

Bildung als Schutz vor Demenz 
Bildung trägt zur sogenannten kognitiven Reserve bei – also zur Fähigkeit des Gehirns, altersbedingte Veränderungen und Schädigungen besser abzufedern. In der Schweiz bereiteten sich Frauen, die zwischen 1930 und 1960 geboren wurden, häufig auf die Rolle der Hausfrau und Mutter vor. Oft blieb ihnen eine höhere Bildung verwehrt. Nach der Heirat gaben viele ihre Berufstätigkeit auf. Diese Bildungs- und Berufsunterschiede wirken bis heute nach und tragen dazu bei, dass ältere Frauen eine geringere kognitive Reserve und damit ein höheres Demenzrisiko aufweisen. 
 

Wenn die Medizin Frauen übersieht 
Auch bei aktuellen Diagnosen bestehen geschlechtsspezifische Unterschiede. Symptome wie Vergesslichkeit, Konzentrationsprobleme oder Stimmungsschwankungen werden bei Frauen häufig als Folge von Stress oder Depressionen interpretiert, während bei Männern schneller eine organische Ursache vermutet wird. Deshalb erhalten Frauen eine Demenzdiagnose oft erst spät. Zusätzlich sind viele diagnostische Tests, etwa zur Beurteilung des verbalen Gedächtnisses, nicht geschlechtsspezifisch angepasst. Da Frauen im Durchschnitt in sprachlichen Aufgaben besser abschneiden, werden häufig frühe Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung übersehen. Sobald sich jedoch deutliche Symptome zeigen, schreitet die Krankheit bei Frauen oft schneller voran, wodurch sich das Zeitfenster für eine frühzeitige Behandlung verkürzt.

Ein weiteres Problem ist, dass die medizinische Forschung Frauen noch immer zu wenig berücksichtigt. In vielen Studien wird das Geschlecht der Versuchstiere nicht beachtet, wodurch wichtige Unterschiede in der Krankheitsentwicklung und der Wirkung von Medikamenten unentdeckt bleiben. Auch in klinischen Studien zu Demenz sind Frauen, obwohl sie häufiger betroffen sind, nicht ausreichend vertreten. Dadurch fehlen wichtige Erkenntnisse über geschlechtsspezifische Krankheitsmechanismen und Behandlungsansätze. Dabei zeigen aktuelle Forschungsergebnisse, dass biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern eine erhebliche Rolle spielen. Hormonelle Veränderungen, insbesondere nach der Menopause, sowie Unterschiede im Immunsystem und in der Genetik können das Risiko für Alzheimer und andere Demenzformen erhöhen. Auch Schwangerschaften oder das Alter bei Eintritt der Menopause scheinen das Risiko zu beeinflussen.