«auguste»: Herr Meyer, welchen Zweck hat Prävention, wenn bereits eine Demenz vorliegt?
Rafael Meyer: Prävention ist ein Teil der Therapie. Ziel ist es, den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen und die Lebensqualität möglichst hoch zu halten. Wir wollen das Fortschreiten verlangsamen und Komplikationen vermeiden. Deshalb ist eine frühe und präzise Diagnose entscheidend. Bei der Diagnoseeröffnung informieren wir Betroffene und Angehörige über die Krankheit, die Prognose und geben Empfehlungen für das weitere Vorgehen. Zudem vermitteln wir Beratungs- und Unterstützungsangebote wie jene von Alzheimer Schweiz und den Sektionen.
Beginnt Prävention nach der Diagnose also mit Information?
Ja, gut informiert zu sein, hat eine präventive Wirkung. Die Diagnose Demenz ist schmerzhaft, doch Klarheit hilft, Konflikte zu vermeiden und Wege zu finden, um konstruktiver mit der Situation umzugehen. Angehörige können sich Wissen aneignen und zu Spezialistinnen und Spezialisten ihrer individuellen Situation werden. Betroffene können wichtige Entscheidungen selbstbestimmt treffen, etwa zur gesundheitlichen Vorausplanung mit Vorsorgeauftrag und Patientenverfügung. Zudem eröffnet eine Diagnose Zugang zu Hilfsangeboten.
Fachpersonen sprechen von Sekundär- und Tertiärprävention. Was bedeutet das?
Sekundärprävention richtet sich an Menschen, die klinisch beschwerdefrei sind, aber Risikofaktoren haben. Zur Sekundärprävention gehören ausreichende kognitive Stimulation, körperliche und soziale Aktivitäten, die hausärztliche Kontrolle von Herz-Kreislauf-Risiken wie Bluthochdruck sowie die Behandlung von Seh- und Hörstörungen. Tertiärprävention ist Teil der Therapie. Bei klinisch erkennbaren Beschwerden zielt sie darauf ab, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und Komplikationen zu vermeiden.
Welche therapeutischen Massnahmen wirken präventiv?
Das hängt vom Einzelfall ab. Es braucht ein massgeschneidertes Paket aus nichtmedikamentösen und medikamentösen Massnahmen. Dabei gilt es die Lebensgeschichte und die Interessen der Betroffenen sowie die Ressourcen im Umfeld zu berücksichtigen. Wichtig ist zudem die Behandlung häufiger Begleitsymptome wie Apathie oder Unruhe, auch um einen frühzeitigen Eintritt ins Pflegeheim zu vermeiden. Solche Symptome belasten Betroffene und Angehörige oft stark.
Welche alltagstauglichen Massnahmen empfehlen Sie?
Aktiv bleiben, trainieren, warmherzige Beziehungen pflegen und Risikofaktoren mit der Hausärztin, dem Hausarzt im Auge behalten. Körperliche Aktivitäten, Musik oder auch – auf ärztliche Verordnung – therapeutische Angebote wie Ergotherapie oder Logopädie lassen sich ins Wochenprogramm einbauen. Allerdings sind nicht alle Angebote überall verfügbar.
Was tun, wenn Bewegung altersbedingt schwerfällt?
Je nach Situation kann Physiotherapie helfen. Ärztlich verordnet, bietet sie Anleitung für Übungen, die sich in den Alltag integrieren lassen. Es kann auch sinnvoll sein, körperliche Aktivitäten mit sozialen Kontakten zu verbinden. Nahestehende Personen sollten daher über die Krankheit informiert sein, um Missverständnisse zu vermeiden und das Helfernetz zu stärken.
Und wenn sich die betroffene Person nur noch zurückzieht?
Das kann auf Überforderung hindeuten. Vielleicht fällt es der Person schwer, einem Gespräch in grösserer Runde zu folgen. Treffen in kleinerem Rahmen, wo die Kommunikation leichter fällt, können dann helfen. Auch Altersschwerhörigkeit könnte eine Ursache sein, die sich beheben lässt. Bei ausgeprägter Apathie oder Depression können Psychopharmaka auf ärztliche Verordnung eine Option sein.
Gibt es weitere Massnahmen, die Sie hervorheben möchten?
Kognitive Stimulation, also das Anregen des Denkens, kann die Lebensqualität und Kommunikation verbessern helfen. Aber: Wer keine Kreuzworträtsel mag, sollte nicht dazu gedrängt werden. Erfolg verspricht eher, an individuelle Vorlieben und Interessen anzuknüpfen. Gruppenangebote für «Gedächtnistraining» können motivieren – wenn jemand der Typ dafür ist. Im Krankheitsverlauf kann selbst eine bisher wohltuende Aktivität Stress auslösen. Solche Signale gilt es zu erkennen.
Wie sollen Angehörige darauf reagieren?
Es sind Signale dafür, die Aktivität anzupassen, etwa auf ein einfacheres Niveau zu bringen oder durch etwas anderes, Einfacheres zu ersetzen. Angehörige kennen die Vorlieben und die Grenzen der Betroffenen am besten und spielen eine zentrale Rolle bei der Organisation des Wochenprogramms.
Was braucht es, um der Prävention und Therapie mehr Gewicht zu geben?
Es braucht mehr Sensibilisierung für die Bedeutung der Früherkennung, zusätzliche Ressourcen für die Umsetzung von Empfehlungen und geeignete Rahmenbedingungen, um die Primär- und Sekundärprävention zu fördern.
Welche Rahmenbedingungen meinen Sie?
Die Umsetzung präventiver Massnahmen hängt immer auch von den Verhältnissen, den Gegebenheiten ab. Je leichter beispielsweise der Zugang zu Begegnungs- und Bewegungsmöglichkeiten in einer Gemeinde, desto besser. Auch die Verteilung von materiellen und psychosozialen Ressourcen – wie etwa Bildungschancen – spielt eine Rolle. Am Ende sind also auch gesellschaftliche Fragen und politische Entscheidungen ausschlaggebend.
Zur Person: Rafael Meyer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, ist Chefarzt und Leiter der Klinik für Konsiliar-, Alters- und Neuropsychiatrie der Psychiatrischen Dienste Aargau in Windisch. Er präsidiert zudem den Verein Swiss Memory Clinics.


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