Valérie Morard Ducrey und Anne Klingele legen verschiedene Gesellschaftsspiele auf einen langen Tisch in einem ruhigen, hellen Raum von Alzheimer Valais-Wallis in Sion. Valérie Morard Ducrey ist die Geschäftsleiterin der Sektion, Anne Klingele ist Fachkraft für das französischsprachige Wallis. Vor allem aber sind beide spielbegeistert. Das trifft sich gut, denn dieser Nachmittag ist ganz dem Spielen gewidmet. Es haben sich drei Teams (auch Tandems genannt) angemeldet, die sich aus jeweils einer Person mit Alzheimer oder einer anderen Demenzform und einer bzw. einem Angehörigen zusammensetzen. An diesem Nachmittag bleibt es schliesslich bei zwei Tandems: ein Geschwisterpaar, das schon einmal da war, und ein Paar, welches das Angebot kennenlernen möchte. 


An Spielen ist für alle etwas dabei – je nach Lust, Laune und Fähigkeit. Sie können zu zweit oder auch mit mehreren Personen gespielt werden. Gemeinschaftsspiele laden dazu ein, sich mit Worten oder Assoziationen von Ideen, Bildern oder Musik zu beschäftigen. Dann gibt es Spiele, bei denen alle gewinnen; solche, die Geschicklichkeit und Gleichgewicht testen oder wieder andere, die die Sinne mit Farben, Materialien oder Klängen ansprechen. 


Ein neues Angebot

Alzheimer Valais-Wallis führte den Spielenachmittag im März 2024 ein, bisher allerdings nur im französischsprachigen Teil des Kantons. Valérie Morard Ducrey und Anne Klingele hatten über die positive Wirkung von Spielen auf Menschen mit neurokognitiven Störungen gelesen und bei einer Konferenz einen Redner über deren Freude am Spielen schwärmen hören. Da kam ihnen die Idee, einen Spielenachmittag zu lancieren. 


Seither bieten die beiden aus der Alzheimer-Sektion Wallis alle sechs Wochen einen Spielenachmittag an, für den eine Anmeldung erforderlich ist. Die erkrankten Menschen und ihre Angehörigen haben hier einen Ort, an dem sie neue Kontakte knüpfen, Rat suchen oder einfach miteinander sein können. Es ist ein geschützter, sicherer Rahmen, in dem auch ungewöhnliche Verhaltensweisen akzeptiert sind. «Wir verfolgen keine therapeutischen Ziele mit den Spielenachmittagen. Wir wollen einfach Vergnügen, Geselligkeit und positive Gefühle ermöglichen», sagt Valérie Morard Ducrey. «Die Angehörigen können anders mit den erkrankten Menschen in Kontakt kommen und gemeinsam den Moment geniessen», ergänzt Anne Klingele. «Es ist mehr als ein Moment der Ruhe, wir bieten eine richtige Verschnaufpause». 

 

Das Tandemprinzip gehört zum Konzept und ist eine Voraussetzung für die Teilnahme am Angebot. Ziel ist es, den Erkrankten und ihren Begleiterinnen oder Begleitern die Möglichkeit zu bieten, Zeit miteinander zu verbringen und den Kontakt zueinander unabhängig von der Krankheit wiederzufinden. Es ist auch eine Chance, um neue Wege im Dialog auszuprobieren, wenn die Worte verloren gehen; die erkrankte Person kann durch die Wahl des Spiels damit ihrer Selbstbestimmung Ausdruck verleihen. 

 

Das «Zusammen» steht im Vordergrund

Die beiden Mitarbeiterinnen sind sich einig: Ein Spielenachmittag lässt sich leicht umsetzen. Es bedarf weder einer komplizierten Infrastruktur noch grosser finanzieller Mittel. Einzig Spiele muss man organisieren. Aber eigentlich könnten sie alle Spiele nutzen, solange sie die Regeln und die Dauer anpassen. Bei ihrer Auswahl können sich Valérie Morard Ducrey und Anne Klingele auf die Erfahrung von «Maître du Jeu» verlassen, ein Geschäft in Sitten, das sich auf Gesellschaftsspiele spezialisiert hat und bereits mit verschiedenen Alters- und Pflegeeinrichtungen in der Region zusammenarbeitet. «Wir suchen Spiele aus, die die Sinne ansprechen, oder Gesellschaftsspiele, bei denen die Freude am Spiel wichtiger ist als der Wunsch zu gewinnen», erklärt Valérie Morard Ducrey.


Neben dem spielerischen Aspekt bietet der Spielenachmittag auch die Möglichkeit, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Dazu trägt gewiss bei, dass man sich nur mit dem Vornamen anspricht. «Wir müssen nicht wissen, welche Krankheiten die Leute haben oder in welchem Stadium sie sind. Wir interessieren uns für den Menschen, für seine Lebensgeschichte, seine Familie, seine Interessen», betont Anne Klingele. Gesellschafts- und Assoziationsspiele mit Wörtern, Bildern oder Musik öffnen die Tür für persönlichere Gespräche. «Das Spiel dient als Mittel, um gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen und alle einzubinden», ergänzt die Expertin.

 
Aktivität für zu Hause

Die einfachen Spiele machen den Angehörigen bewusst, mit welchen Schwierigkeiten Demenzerkrankte konfrontiert sind. Und sie eröffnen ihnen neue Horizonte. Oft gehen sie mit Tipps und Ideen für den Alltag nach Hause und stellen fest, dass sie auch mit der Familie oder mit Freunden spielen können. Die beiden Schwestern erzählen, dass bei ihnen zuhause viel gespielt wird. Und nicht immer gewinnt die Person, auf die man tippen würde! 


Wie jedes neue Angebot, freuen sich die Spielenachmittage auf weitere interessierte Teilnehmende. Die beiden Mitarbeiterinnen von Alzheimer Valais-Wallis sind daran, die Nachmittage auf der Internetseite und in den sozialen Medien, bei Partnerorganisationen und den Besucherinnen und Besuchern anderer Angebote der Sektion zu bewerben. Sie überlegen auch, das Angebot zu öffnen und z. B. zu einem generationsübergreifenden Raum zu machen.


Die beiden Schwestern haben sich nach ihrer Ankunft zunächst für das Spiel «Kluster» entschieden, ein Strategie- und Geschicklichkeitsspiel, das sie schon sehr gut kennen, aber von dem sie noch nicht genug haben. Das Paar beginnt mit einem Logikspiel, das die Farbwahrnehmung anregt. Danach entscheidet es sich für ein Dartspiel mit Pfeilen aus weichem Silikon in verschiedenen Farben. Eine der beiden scheint heute nicht richtig in Spiellaune zu sein, was sich allerdings schlagartig ändert, als es darum geht, Musik mit Bildern auf dem Tisch zu kombinieren. Ihre Augen beginnen zu leuchten und sie stimmt mit grosser Freude die ihr bekannten französische und italienische Lieder an.