Das Jahr hat schlecht begonnen, aber der Frühlingsanfang war dann wunderbar. Das ist mir noch im Herbst der Rede wert. Mit dem Norovirus hat das Jahr begonnen und im Aufenthaltsraum der Demenzstation, auf der ich verkehre, ging das Radio nicht mehr. Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) hatte entschieden, am 31. Dezember 2024 alle UKW-Sender abzuschalten. SRF 1 verlor auf einen Schlag 240 000 Hörer:innen. Auf der Demenzstation gab’s für ein DAB-Gerät kein Budget. So dudelte ständig ein Lokalradio mit schlechtem Empfang. Die Musik erkannte niemand. Am Angehörigenabend hat das für Diskussionen gesorgt. Wer spendiert eine Boombox, auf der man Playlists einspielen kann?
Dann haben die Vögel übernommen. Ausgerechnet auf der Demenzstation habe ich den Frühling richtig genossen. «Draussen» ist er in Deadlines, Hektik und unruhigen Nächten untergegangen. Auch den wöchentlichen Besuch bei meiner Verwandten hätte ich fast ausfallen lassen. Zum Glück bin ich doch hingegangen, denn Ende April war die Stimmung plötzlich grossartig. Wegen den wärmeren Temperaturen gingen die Türen zum Garten auf! Niemand lauerte mehr am Lift, die Lauffreudigen konnten allein spazieren gehen, es roch deutlich besser und der Lärmpegel sank auf ein erträgliches Mass.
Wenn im Herbst wieder der lange Einschluss droht, denke ich gerne an den April zurück. Wir sassen noch draussen, eine Pflegerin, fünf Bewohner:innen und ich. Es war, als wären mit den Türen auch Blockaden in den Köpfen aufgegangen. Mit der Bewegung – und sei’s im Rollstuhl – und mit der frischen Luft kamen Worte zurück. Zwischen Knacklauten sprach meine Verwandte plötzlich wieder klar und schlagfertig.
«So schönes Wetter und der Papa Francesco ist gestorben!», sagte die Pflegerin. «Ach, der Papst, mit dem will ich nicht», warf Mariella ein, die mit einer Garderobe wunderbarer, selbst genähter Kleider ins Heim eingerückt war. Meine Verwandte nickte zustimmend. Als sie noch klarer war, hat sie mir eingebläut, dass ich ihr nicht mit der Kirche kommen soll, wenn es zu Ende geht. Der Papst schien sie aber zu interessieren. So sagte ich: «400 000 waren in Rom zur Beerdigung.» «Und, hat er was davon gehabt?»
Dass auch die Pflegerin laut lachte, war eine schöne Bestätigung. Sie möchte die Geräusche und Klänge auf der Station angenehm und anregend gestalten. Manchmal schliesse sie die Augen und höre einfach in den Aufenthaltsraum hinein. Das sei zum Verrücktwerden. Und ich stelle mir vor, wie das ist, wenn man nichts mehr einordnen kann und drei Leute gleichzeitig reden, das Radio läuft und der Staubsauger.
Am Rand des Angehörigenabends haben wir geträumt: Wie das wäre, wenn die Möblierung nicht an ein Spital, sondern an eine Wohnung denken liesse! Und weil mir gerade in stressigen Zeiten ein Besuch auf der Demenzabteilung guttut, träume ich weiter. Das könnte doch ein anziehender Ort sein, wo auf Feinheiten geachtet wird, aufs Wohlsein mit leckerem Essen, bunten Nachmittagen nach Wunsch, gut dosierten Medikamenten, Körperpflege ohne Zeitdruck, wo sich ausgelassene und zärtliche Momente ergeben, ernsthafte Gespräche – mit oder ohne Worte –, wenn die Verzweiflung einsetzt. Es ist ein überraschendes Glück, zu erahnen, wie viel das Leben noch hergibt, wenn man nichts mehr kann und nichts mehr muss.


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