Vor einigen Jahren sass ich im Wohnzimmer einer 83-jährigen Frau im Berner Oberland und hörte ihr zu. Im alten Haus wars warm, doch ihre Geschichte handelte von Kälte, Krieg und Flucht. Als zehnjähriges Kind floh sie im Winter 1944/45 mit Mutter und Geschwistern aus dem ostpreussischen Memelland vor der heranrückenden Front. Der Vater war in Russland gefallen. Zuerst ging es im Pferdefuhrwerk, später in Kohlewaggons der Eisenbahn Richtung Westen – zusammen mit Millionen anderen. Die Angst vor Fliegerbomben war allgegenwärtig. Essen gab es nur, wenn jemand den Flüchtenden unterwegs etwas zusteckte – ein Akt der Menschlichkeit.
Die Frau erzählte lange. Plötzlich holte sie eine rote Bettdecke aus dem Schrank. Ihre Mutter hatte das Duvet auf die Flucht mitgenommen, die Tochter bewahrte es all die Jahre auf. Als junge Frau war sie in die Schweiz eingewandert, um als Haushalthilfe zu arbeiten. Ihre Fluchterfahrung erwähnte sie kaum. Erst im hohen Alter, inzwischen Urgrossmutter, verspürte sie den Wunsch, darüber zu sprechen. Sie bat mich, ihre Geschichte aufzuschreiben. Wir kannten uns gut. Mit ihrem Erzählen verband sie ein Vermächtnis. Sie erinnerte an das Leid der Zivilbevölkerung in Kriegen, warnte vor Diktatoren und ermutigte dazu sich im Leben immer wieder aufzurichten. Letzten Winter starb sie mit 91 Jahren.
«Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte», schrieb Heinrich Heine um 1820. Dieses Zitat gefällt mir. Es zeigt, dass wir alle Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind – und dass jede Lebensgeschichte von Belang ist. Nicht nur die Lauten und Berühmten haben etwas zu berichten, auch Menschen wie du und ich. Lebensgeschichten sind Quellen von Erfahrung und Wissen. Wer erzählt, wird Autorin oder Autor der eigenen Geschichte. Und manchmal setzt das etwas in Bewegung. Die ehemaligen Verdingkinder haben es bewiesen. Erst ihr mutiges Erzählen zwang die Schweiz in den 2010er-Jahren, dunkle Kapitel ihrer Sozialgeschichte aufzuarbeiten.
Der australische Sozialwissenschaftler David Denborough nennt es ein Recht, die eigene Geschichte zu erzählen. An Biografisches anzuknüpfen, hilft auch bei Demenz. Musik, Düfte oder Gewohnheiten fördern das Wohlbefinden. Es geht um Betreuung und Fürsorge. Doch mich interessieren Lebensgeschichten von Menschen mit Demenz auch aus der emanzipatorischen Perspektive, die Denborough beschreibt.
Denn das Recht, die eigene Geschichte zu erzählen, besteht weiter – auch wenn Worte und Erinnerungen schwinden. Was ein Mensch erlebt und geschaffen hat, bleibt relevant. Umso wichtiger ist es, diese Geschichten festzuhalten – um sie zu würdigen, sichtbar zu machen und weiterzugeben. Das kann in einer gemeinschaftlichen Runde geschehen, rücksichtsvoll, mit vereinten Kräften des Erzählens und Erinnerns.
In meiner Familie bot eine diamantene Hochzeit Anlass, in zwei Lebensgeschichten einzutauchen. Ein Dokument über eine mehr als 60-jährige Liebesgeschichte entstand. Vielleicht berührte es uns alle auch deshalb so tief, weil eine Demenzerkrankung in den Hintergrund trat und das Leben hervortrat. Allein dies: ein Vermächtnis. Wieder wurde ein aufbewahrter Gegenstand – ein zerknitterter Zettel mit einer handgeschriebenen Telefonnummer von 1961 – zum Symbol für Identität und Kontinuität. So wie die wärmende rote Decke der Erzählerin aus dem Memelland.


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