Die aktive Macht des Vergessens
Nietzsches Zitat beschreibt das Vergessen als eine aktive Kraft, fast wie eine innere Entscheidung, sich zu entlasten. Was bedeutet es, die Vergangenheit bewusst loszulassen? Hier könnte man über die Rolle von Erinnerungen als Last nachdenken, wie sie uns prägen, aber manchmal auch wie eine unsichtbare Mauer wirken. Was bleibt von uns, wenn wir entscheiden, diese Last hinter uns zu lassen? Ist das Vergessen ein Neuanfang oder eine Form des Sich-Verlierens?
Freiheit durch Loslassen
Gibran stellt vergessen als eine Form von Freiheit dar. Diese Freiheit hat etwas Befreiendes und zugleich Beängstigendes. Was bedeutet es, loszulassen, wenn Erinnerung das Fundament unseres Selbst bilden? Gibt es Momente, in denen das Loslassen wie ein sanfter Wind ist, der uns weiterträgt? Hier könnte man die Verbindung zwischen Freiheit und Identität untersuchen.
Vergebung und Vergessen
Victor Hugo setzt Vergebung und Vergessen gleich. Ist Vergessen wirklich nötig, um zu vergeben? Oder gibt es Vergebung auch in der bewussten Erinnerung? Hier liegt die Idee einer Versöhnung mit der Vergangenheit, nicht durch Ignoranz, sondern durch das Verblassen des Schmerzes. Ist es möglich, einen Frieden zu finden, der nicht auf völliges Vergessen angewiesen ist?
Nietzsches Zitat fasziniert mich am meisten. Das wäre doch wunderbar. Wenn die ganzen alten Geschichten aus meiner Kindheit in Vergessenheit geraten würden. Keine Träume mehr, keine Grübelei weshalb es in meiner Kindheit viel zu oft wirklich schwierig war. Wäre es nicht grossartig, sogar selektiv zu vergessen? Der sexuelle Missbrauch weg. Die erste Verliebtheit bleibt. Die schulischen Schwierigkeiten weg. Späteres Studium bleibt.
Wäre Loslassen wie es Gibran vorschlägt der Schlüssel? Mir persönlich scheint dieser Weg sehr schwierig. Hätte Angst, meine Identität zu verlieren. Diese Angst raubt mir ab und zu den Schlaf. Demenz macht Angst.
Vergebung und Vergessen, wie es Victor Hugo empfiehlt scheint mir eine wertvolle Idee. Nicht mehr mit der Vergangenheit zu hadern , sondern dem Täter zu vergeben. Das werde ich versuchen.
Mit den vielen Gedanken rund um die Demenz realisiere ich, wie behutsam ich auf mein Leben schaue. Was ist oder war mir wichtig, wem will ich noch etwas wichtiges sagen bevor ich es vergesse, und was kann ich getrost vergessen.
Soll ich ein Tagebuch führen. Oder ist mir das zu anstrengend – oder vergesse ich es dann ab und zu. Wie organisiere ich mich am besten? Gibt es dazu schon Tipps von Demenzerkrankten? Ich bin Teil einer kleinen Patientengruppe (Anmerkung der Redaktion: Impuls Alzheimer), die sich einmal im Monat trifft. Wir trafen uns erst dreimal. Beim letzten Mal haben es die beiden anderen Teilnehmer vergessen.
Hier schreibt: Silvia
Silvia ist 74 Jahre alt und blickt auf ein erfolgreiches Berufsleben zurück. Bis zur Diagnose drehte sich ihr Leben um den Austausch mit Menschen- die Kommunikation war ihr berufliches Tätigkeitsfeld. Mit der Diagnose hat sich einiges verändert. Darüber zu sprechen, was sie bewegt, ist ihr wichtig – denn noch findet sie die Worte.
Haben Sie Fragen an uns oder Silvia? Schreiben Sie uns auf communication[at]alz.ch
Hören Sie auch in Silvias Podcast hinein: Demenz aus erster Hand - Gedanken einer Reisenden



