Die Nationale Demenzkonferenz 2026 fand am Dienstag, 28. April 2026, unter dem Motto «Demenz und Diversität – Vielfalt und Chancengleichheit» in der BERNEXPO in Bern sowie online statt. 310 Teilnehmer:innen nahmen dieses Jahr teil. Die aktuelle Demenzkonferenz widmete sich der Herausforderung einer gerechten Versorgung in einer zunehmend vielfältigen Gesellschaft. Sie thematisierte die Frage, wie eine gerechte, inklusive und kultursensible Demenzversorgung für alle gelingen kann – unabhängig von Herkunft, Sprache, Geschlecht, Alter, Einkommen oder Lebensform.  

Die Veranstaltung wurde mit Begrüssungsworten von Dr. med. Thomas Steffen, Präsident von Public Health Schweiz, und Hans Stöckli, Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz, eröffnet. Thomas Steffen betonte, dass Demenz mehr ist als eine Diagnose und Hans Stöckli kündigte an, an der Konferenz bestehende Lücken bei der Versorgungsgerechtigkeit zu finden, sich gegenseitig auszutauschen und gemeinsam Lösungsansätze zu suchen. 

Wie erreicht man Versorgungsgerechtigkeit? 

Im Eröffnungsreferat führte Dr. phil., Betr. oec. Sandra Oppikofer, Leiterin Entwicklung und Evaluation am Zentrum für Gerontologie ein in das komplexe Zusammenspiel der individuellen Lebensrealitäten, wie Geschlecht, soziale Lage, Bildung, sexuelle Orientierung, Migrationserfahrung, Vorerkrankungen (Multimorbidität) und Behinderung. Sie zeigte anhand aktueller Forschung und Praxisbeispielen, wie Versorgungsgerechtigkeit gefördert und Diskriminierung abgebaut werden kann durch einen intersektionalen Ansatz. Bei diesem werden sich überschneidende Diskriminierungsformen aufgrund von Geschlecht, Ethnizität, Klasse und Behinderung berücksichtigt.  

Demenzerkrankung und Migrationshintergrund 

In der ersten Keynote-Session standen Migration und kulturelle Vielfalt im Fokus.  

Gisella Dufey Hinch, Vizepräsidentin des Nationalen Forums Alter und Migration, wies darauf hin, dass immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund an Demenz erkranken und einen gerechten Zugang zur Gesundheitsversorgung benötigen. Sie erläuterte, wie Demenz in verschiedenen Kulturen unterschiedlich wahrgenommen wird und welche Herausforderungen, aber auch Chancen sich daraus für Prävention, Begleitung und eine bedarfsgerechte Versorgung ergeben. 

Sanja Ilic, Pflegeexpertin APN und Demenzberaterin, vertiefte das Thema sprachlich-kulturelle Identität und Chancengleichheit von Menschen mit Demenz und Migrationsgeschichte. Anhand eines Praxisbeispiels zeigte sie, wie Musik, Rituale, Tradition und Muttersprache eingesetzt werden können, um biografisch-kulturellen Bedürfnissen gerecht zu werden. 

Demenzversorgung und Gender/Geschlecht 

Die zweite Keynote-Session widmete sich der Gendergerechtigkeit. 

Dr. Sivaniya Subramaniapillai, Forschungsverantwortliche des «Diverse Brains Project», informierte, wie biologisches Geschlecht und soziale Genderzuschreibung den Verlauf einer Demenzerkrankung sowie den Zugang zu Diagnose und Pflege beeinflussen können. Zudem präsentierte sie Demenzrisikomodelle, die neben Geschlecht und Gender auch weitere Lebensbedingungen berücksichtigen.  

Gaé Colussi und Catarina Letras vomProjekt TRUST-PALL beleuchteten die besonderen Herausforderungen, denen LGBTIQ+ Personen mit Demenz begegnen. Sie legten dar, wie das TRUST-PALL-Projektteam Identität, Lebensverläufen, Stigmatisierung und Anerkennung bedeutender Beziehungen dieser Patient:innen im Verlauf fortschreitender kognitiver Störungen untersucht. Zudem stellten sie die Risiken von Ausgrenzung, fehlender Anerkennung und biografischen Brüchen vor. Sie zeigten aber auch Ansätze für eine inklusivere Versorgung auf, die diversitätssensible Ansätze berücksichtigt. 

Soziale Ungleichheiten und Zugang zu Demenzversorgung 

Am Nachmittag lag der Fokus auf sozialen Determinanten, Selbstbestimmung und Teilhabe sowie den Erfahrungen zu Intersektionalität und Diversität.  

PD Dr. Stéphane Cullati von der Universität Freiburg präsentierte die Rolle sozialer Faktoren im Verlauf des Lebens. Er veranschaulichte, wie soziale Ungleichheiten – etwa in der Kindheit, im Bildungsweg, in den Lebensbedingungen, bei den finanziellen Ressourcen oder in der beruflichen Laufbahn – sowohl das Risiko einer Demenzerkrankung als auch den Zugang zur Gesundheitsversorgung und deren Qualität beeinflussen können. Er reflektierte zudem, wie das Gesundheitssystem und die nationale Politik dazu beitragen könnten, soziale Ungleichheiten zu verringern.  

Selbstbestimmung in einer Demenzeinrichtung 

In der dritten Keynote lag der Schwerpunkt bei Selbstbestimmung und Teilhabe.  

Prof. Dr. Daniela Händler-Schuster von der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften befasste sich mit der Frage, wie Selbstbestimmung und Sicherheit im Alltag von Menschen mit Demenz in Einklang gebracht werden können. Sie zeigte auf, wie Entscheidungen gemeinsam getroffen oder begleitet werden können und welche einfachen Schritte dabei helfen, den Alltag sicher zu gestalten. Zudem wurde deutlich, wie wichtig es ist, die unterschiedlichen Lebenssituationen von Betroffenen zu berücksichtigen und Unterstützung individuell anzupassen. Sie ging auf das Potenzial von Caring Communities ein, bei der sich Nachbarschaft und Gemeinschaft engagieren. 

Othmar F. Arnold, Pflegeexperte APN und Koordinator der WG Alte Sennerei, gab Einblick, wie Selbstbestimmung und Teilhabe in dieser WG dank der Förderung einer sorgenden Gemeinschaft konkret umgesetzt werden. Gemäss seiner Erfahrung kann die soziale und krankheitsbedingte Diversität auch eine positive Wirkung haben. Das Motto der Wohngemeinschaft lautet: «Alle bringen sich ein in die Bewältigung des Alltags, wenn sie wollen und wo sie können.»  

Podium mit Erfahrungsaustausch 

In einer grossen Podiumsrunde berichteten Fachpersonen über ihre Erfahrungen mit den Themen Intersektionalität und Diversität sowie über die Bedeutung, die diese für die Lebenswelt der Betroffenen haben. Am Panel nahmen Dr. med. Irene Bopp-Kistler, Sanja Ilic, Gaé Colussi, PD Dr. Stéphane Cullati und Prof. Dr. Daniela Händler-Schuster teil. Die Erkenntnisse der Podiumsdiskussion waren, dass man ohne grosse Mehrkosten das schon vorhandene Potenzial an Projekten für Menschen mit Migrationshintergrund, Communitys sowie mehrsprachiges Pflegepersonal einsetzen könnte. Zudem ist es wichtig, sich als Fachperson für die Werte und die Vergangenheit erkrankter Menschen mit Migrationshintergrund zu interessieren. Dies hilft, um kostengünstig die geeignete Behandlung zu finden. 

Erkenntnisse der Konferenz 2026 

Zum Abschluss fasste Dr. sc. nat. Martine Bourqui-Pittet, Zukünftige Direktorin Alzheimer Schweiz ab Mai 2026 ihre Erkenntnisse des Tages zusammen. Besonders blieb ihr die Aussage, dass auch eine eingesperrte Nachtigall noch Lieder singen kann, die sie früher gelernt hatte. Eindruck machte ihr, dass kostengünstige Massnahmen wie Musik und traditionelle Gerichte die Lebensqualität erkrankter Menschen mit Migrationshintergrund deutlich verbessern können. Sie hatte an ihrer ersten Nationalen Demenzkonferenz viel gelernt und freut sich ab Mai in diesem Bereich einzusteigen. Bettina Maeschli, Geschäftsführerin Public Health Schweiz schloss sich diesem Votum an.  

Die nächste Demenzkonferenz am Dienstag, 27. April 2027, befasst sich mit den Chancen und möglichen Ungleichheiten durch neue Technologien, KI und digitale Begleitung.