Ich habe ein reiches Leben. Reich deshalb, weil ich noch lesen kann – und das Gelesene auch verstehe. Manchmal blättere ich zwei oder drei Seiten zurück, um den Anschluss wiederzufinden. Das stört mich nicht. Es ist einfach Teil meines Alltags geworden. Onlinebuchhandlungen meide ich – dort ist mir alles zu unübersichtlich, zu viel Auswahl, zu viel Durcheinander. 
 

Ich bin Silvia. Und ich habe eine Demenz. Ich hatte ein interessantes Leben, grosse berufliche Erfolge und wichtige und zufriedene Beziehungen, die meine Gedanken in die Vergangenheit immer noch verschönern. Auch heute, mit fast 74 Jahren, fühle ich mich immer noch geliebt und meistens auch verstanden. Vielleicht vergesse ich Namen, vielleicht verirrt sich ein Gedanke auf dem Weg zu mir – aber was bleibt, ist das, was trägt: Liebe, Würde, und die Fähigkeit, Sinn zu spüren, selbst wenn manches verschwimmt.

Wenn ich sage: “Ich habe eine Demenz“, sehe ich oft mitleidige Blicke. Oder betretenes Schweigen. Manche wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Aber für mich ist diese Diagnose nicht nur ein medizinisches Etikett – sie ist ein Teil meines Weges geworden. Sie beeinflusst meine Entscheidungen, meine Haltung, mein Dasein.

Mein Alltag ist fordernder geworden. Ich brauche mehr Pausen, muss mir vieles aufschreiben, nutze Hilfsmittel, die mir Orientierung geben. Ein Kalender, der mich erinnert. Rituale, die mir Halt geben. Und Menschen, die mich ernst nehmen – ohne mir alles abzunehmen. Denn ich kann noch viel. Vieles anders als früher, aber eben: noch immer. Manchmal kommt die Angst. Vor dem, was ich vielleicht vergesse. Vor dem, was sich meinem Griff entzieht. Dann halte ich inne. Versuche, ganz im Moment zu sein. Mich an dem zu freuen, was noch da ist: Musik. Gespräche. Die Natur. Eine zarte Berührung. Ich übe mich im Perspektivenwechsel – schaue nicht nur auf das, was schwindet. Sondern auf das, was bleibt.

Ich habe ein reiches Leben. Reich, weil ich noch lesen kann – und verstehen. Manchmal muss ich zwei, drei Seiten zurückblättern, um den Faden wiederzufinden. Aber das stört mich nicht. Es gehört jetzt einfach dazu. Onlinebuchhandlungen meide ich – zu viel Auswahl, zu viel Durcheinander. Lieber gehe ich in die Buchhandlung meiner Stadt. Dort werde ich wunderbar beraten. Ich sage klar, was ich will: spannende Geschichten über grossartige Frauen, mit Abenteuern, mit Herz – ohne Gewalt, ohne verwirrende Nebenstränge, ohne Schnickschnack.

Meine letzten Bücher? ‚Eine Frage der Chemie‘ von Bonnie Garmus und ‚Das rote Adressbuch‘ von Sofia Lundberg. Ich hoffe, dass ich noch lange selbst lesen kann. Und wenn nicht? Dann gibt es Hörbücher. Oder Vorlese-Nachmittage. Geschichten werden mich immer begleiten.