Dieser Artikel stammt ursprünglich aus dem diesjährigen Age-Dossier 2026: «Zwischendrin – wie verletzliche Menschen altern», der Age-Stiftung.
Autorin: Ursula Eichenberger
Das gemeinsame Älterwerden hatten sich Hansueli Leuenberger, 75, und Marianne Brennwald, 80, anders vorgestellt. Vor Jahren wurde bei ihm die Diagnose Alzheimer gestellt. Der grösste Wunsch des verbundenen Paars ist es, seinen Weg gemeinsam gehen zu können.
Der «Jahresweiser» liegt aufgeschlagen vor ihm – ein grosses Tagebuch, das sich über zehn Jahre erstreckt. Tag für Tag notiert Hansueli Leuenberger in seiner klaren Architektenschrift, was gerade geschieht, und markiert mit einem grossen Haken, was vorbei ist. «Das Buch ist meine Festung», sagt der 75-Jährige, «ohne wäre ich verloren; aber vor allem wäre ich ohne Marianne verloren.»
Marianne Brennwald streckt ihre Hand über den grossen Esstisch in seine Richtung und erzählt, wie irgendwann «unmissverständlich» klar gewesen sei, dass etwas nicht mehr gestimmt habe. Zunehmend funktionierte das Kurzzeitgedächtnis ihres Lebenspartners schlechter, es traten Wortfindungsstörungen auf, räumliche und zeitliche Orientierung nahmen ab. In seinen letzten Berufsjahren beim Hochbauamt blieben Anzeichen der Krankheit auch seinen Vorgesetzten nicht verborgen. Im Mitarbeitergespräch kamen Punkte wie Vergesslichkeit, Verlangsamung, Konzentrationsschwächen zur Sprache. Sein Kopf sei «verbrösmelet», stellte Hansueli Leuenberger selbst fest. Schliesslich suchte das Paar, das seit 27 Jahren zusammen ist, die Memory Clinic Basel auf. Tests zeigten, dass das akustische Sprach-Kurzzeitgedächtnis wie auch das visuelle Gedächtnis stark abgenommen hatten. Schliesslich stand die Diagnose Alzheimer fest. «Wir weinten beide», sagt Marianne Brennwald. Für ihn, der seine Arbeit als Architekt geliebt hatte, viel las, breit interessiert war, der gerne mit den vielen Freunden, mit seiner Lebenspartnerin, den Söhnen und Töchtern diskutierte, war vor allem das Wissen erschreckend, dass die Krankheit nicht heilbar ist. Im Gegenteil: Er würde zunehmend an Selbstständigkeit einbüssen. Ihr wurde schmerzhaft klar, dass sich Teile ihres geliebten Partners Schritt um Schritt verabschieden würden. «Unverändert aber blieb unsere Liebe, die gegenseitige Wertschätzung und der Wunsch, diesen Weg gemeinsam zu gehen.»
Aneinanderreihen von Einzelmomenten
Die Diagnose schmerzte, doch sie half, Symptome einzuordnen und den Alltag anders zu gestalten. Bis heute erwies sich als grosse Hilfe, dass Hansueli Leuenberger umgeben ist von Familie und Freunden und auf ein Leben zurückblicken kann, das kaum von Krisen oder Brüchen gezeichnet ist. Von Beginn weg ging das Paar offen mit der Diagnose um und suchte sofort Unterstützung in Selbsthilfegruppen und Angeboten der Organisation Alzheimer beider Basel. Passendes zu finden, ist bis heute aufwendig und schwierig. Physisch ist Hansueli Leuenberger äusserst fit, auf längst vertrauten Wegen fährt er gerne Fahrrad, macht Yoga, ist immer wieder über mehrere Tage mit seinen Töchtern aus erster Ehe auf grossen Bergtouren. Tagsüber verbringt er manchmal einige Stunden in seiner Wohnung, die in der Nähe von derjenigen seiner Partnerin liegt. Das Paar legt Wert auf die beiden Zuhause, verbringt inzwischen aber die meiste Zeit gemein sam in Marianne Brennwalds grösserer Wohnung. Den zehnminütigen Weg hin und her schafft Han sueli Leuenberger problemlos alleine. Er ist gerne in seinen eigenen vier Wänden, zeichnet, liest Zeitung und «immer kürzere Kurzgeschichten». Was vor dem Buchzeichen geschehen ist, weiss er schon wenige Momente nach der Lektüre der jeweiligen Passagen nicht mehr. Lesen ist zu aufeinanderfolgenden Einzelmomenten geworden. Um zur vereinbarten Zeit wieder in Marianne Brennwalds Wohnung einzutreffen, schreibt er sich auf einen prominent platzierten Zettel gross die Zeit auf, zu der sie sich verabredet haben. Auch den Weg zu den Kursen bei Alzheimer beider Basel sowie die Fahrt mit dem Bus in die Tagesbetreuung im Sternenhof klappen noch alleine. Es sind fest eingebrannte Pfade.
Zunehmend geht ein Schatz verloren
Die Tage, in denen Hansueli Leuenberger gut von anderen Menschen umsorgt ist, sind für Marianne Brennwald «überlebenswichtig», wie sie sagt. Die ehemalige Heilpädagogin und Mutter zweier Söh ne aus erster Ehe legt grossen Wert auf möglichst viel Gemeinsames, aber eben auch auf Momente, in denen sie alleine ist. Der Alltag ist anstrengend, sie organisiert das Leben zweier Menschen, trägt die Verantwortung für beide. «Das läuft still und leise, aber es wird immer mehr, und ich bin nicht mehr zwanzig», sagt die 80-Jährige. Sie begleitet ihren Lebenspartner zu jedem medizinischen Ter min, da er im Nachhinein nicht mehr weiss, was besprochen worden ist. Alles Administrative liegt in ihren Händen. Im Haushalt hilft er tatkräftig mit und erledigt mit grosser Hilfsbereitschaft, worum sie ihn bittet.
Marianne Brennwald ist sich bewusst, dass sie zur Risikogruppe zählt, der Erschöpfung und Depres sion droht. Neben der täglich zunehmenden An strengung leidet sie unter dem fortschreitenden Zerfall ihres Partners: «Es macht mich traurig zu erleben, wie er keine Erinnerungen mehr hat. Da geht ein grosser Schatz verloren.» Nie kann er ihr erzählen, was er in Momenten tut oder denkt, in denen sie nicht dabei ist. Nie kann er sie daran teil haben lassen, was er mit Freude in der Tages stätte gegessen oder welche Skizzen er in der Mal gruppe bei Alzheimer beider Basel erstellt hat. «Letzthin erlebte ich ein absolutes Highlight», sagt sie und strahlt.. Bei einem Besuch im Gedächtnis-Kreativ Kurs konnte sie einen Blick in seine Zeichenmappe werfen. «Hansueli hat immer toll gezeichnet, und was ich da gesehen habe, hat mich tief berührt.»
Der «richtige» Moment
Die Frage, wie lange sie den Alltag in dieser Form aufrechterhalten kann, beschäftigt Marianne Brennwald zunehmend. «Das Thema Älterwerden steht bei uns oft im Raum. Wir müssen unser Leben laufend neu planen – Hansueli als Betroffener und ich als Angehörige.» Ab und an stossen ihre Kräfte an Grenzen und sie verliert ihre Geduld; sie ent schuldigt sich jeweils umgehend, weil es ja nicht am guten Willen ihres Partners fehlt, sondern an seinen Möglichkeiten. «Die Herausforderung für unsere gemeinsame Zukunft liegt darin, für uns beide den ‹richtigen› Moment zu treffen, zu spüren, jetzt muss Hansueli in eine Institution. Mir ist ganz wichtig, dass es für ihn erträglich ist.» Gemeinsam mit seinen Töchtern hat sie Institutionen in Basel besichtigt; angemeldet ist Hansueli Leuenberger nirgends, «es ist noch viel zu früh für ihn». Doch für Marianne Brennwald ist es beruhigend zu wissen, dass diese Institutionen Ferienzimmer anbieten «für den Fall des Not- falls – zum Beispiel, wenn ich mir den Fuss brechen sollte».
In Schieflage
Noch erleben sie viele schöne gemeinsame Mo mente: beim Brändi-Dog-Spielen mit Freunden etwa, beim Kartenspielen mit den Kindern und Enkeln, bei den monatlichen Kurzreisen, wenn sie in die Nähe verreisen, etwas Kulturelles besichti gen, ein- oder zweimal im Hotel übernachten. Ver gangenes Jahr waren sie auf einer Flussschifffahrt. «Das ist ideal. Da nehmen wir unser Bett und den Koffer mit, es ist alles da», erzählt Marianne Brennwald. Im Kulturhaus Teufelhof in Basel haben die beiden seit Jahren ein Comedy-Abonnement. «Die Witze versteht Hansueli noch zu hundert Pro zent, oft lachen wir tüchtig.»
Dass ihre Partnerschaft in Schieflage geraten ist, spüren aber beide täglich. «Ich möchte für Marianne keine Last sein», sagt Hansueli Leuenberger. Für eine Weile setzt Stille ein. «Im Hier und Jetzt können wir gut miteinander sprechen», fügt Marianne Brennwald an, doch oft fehle ihr ein wahrer Spiegel, das langjährige Gegenüber. «Dann halte ich Monologe.» Das Schwierigste für sie ist zu spüren, wie abhängig Hansueli Leuenberger von ihr ist. «Ich tue alles, um gesund zu bleiben. Ich will für uns beide da sein können und nicht aufgeben.»
Das neue Age-Dossier der Age-Stiftung: «Zwischendrin – wie verletzliche Menschen altern»
Wie geht es verletzlichen Menschen, wenn sie älter werden? Personen mit einer Behinderung, einer Suchterkrankung, mit Demenz, knappen finanziellen Mitteln oder Migrationserfahrung sind im Alter besonders auf Unterstützung angewiesen. Doch für viele Betroffene fehlen Angebote, die ein «Dazwischen» ermöglichen – ein Alltag zwischen möglichst viel Selbstständigkeit und umfassender Betreuung. Das neue Age-Dossier 2026 beleuchtet unterschiedliche Lebenswelten von Betroffenen und reflektiert ihre Erfahrungen gemeinsam mit Fachpersonen aus Praxis, Politik und Inklusion.
Unter www.age-stiftung.ch/age-dossier2026 können Sie das Age-Dossier ab sofort kostenlos herunterladen oder bestellen. Auf der Website bieten Videos, Texte, Bilder und ein Fachkommentar zusätzliche Einblicke in die Lebenswelten verletzlicher älterer Menschen.

© Age-Stiftung, Foto: Frederic Meyer (Kontrast.ch)
