Alzheimer-Bulletin November 2019

«Zeit haben, zuhören, Lösungen finden»

Seit Oktober ist Stephanie Rustemovski für die kostenlose Beratung zuständig, die Alzheimer beider Basel anbietet. Lernen Sie unsere neue Demenzfachfrau in einem Interview kennen.

Wolfgang Werder: Als Beraterin kannst du Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen Wege aufzeigen, die aus einer Notsituation herausführen. Was denkst du, wodurch wird die Not oft verursacht?

Stephanie Rustemovski: Die herausfordernde Situation geht oft einher mit einer neuen Rollenverteilung. Der Ehepartner zum Beispiel übernimmt plötzlich pflegerische und organisatorische Aufgaben, die er vorher nicht hatte. Die neue Rollenfindung kann schleichend und unreflektiert ablaufen. So ist es schwierig, die neue Rolle anzunehmen. Oft geht es dabei nicht nur um die Partner, sondern auch um die Kinder. Das ganze Familiensystem wird vor eine grosse Herausforderung gestellt.

Für den Menschen mit Demenz kann es schwierig sein, Hilfe anzunehmen. Es setzt die Einsicht voraus, dass man gewisse Dinge selber nicht mehr so gut verrichten kann wie früher. Man wird konfrontiert mit dem Verlust der Autonomie. Das kann sich auf die Stimmung oder das Verhalten auswirken. Menschen, die immer höflich und zurückhaltend waren, werden vielleicht angesichts dieser Situation laut oder getrieben. Das ist Ausdruck der Überforderung und der Hilflosigkeit.

Zusammengefasst: neue Rollenbilder, Unterstützung annehmen, Autonomieverlust akzeptieren, das sind drei Themen, die Not auslösen können.

WW: Welche Rolle spielt das Thema Tod? In unseren Breitengraden steht die Beschäftigung mit unserer Endlichkeit ja nicht an oberster Stelle.

SR: Entsprechend ist die Diagnose Demenz für viele ein grosser Schock. Die Verdrängung unserer Endlichkeit bedeutet auch, man verfasst keine Patientenverfügung oder schaut sich nicht frühzeitig nach Alters- und Pflegeheimen um. Man will sich nicht mit dem letzten Kapitel beschäftigen.

Ein Problem sind aber auch die Bilder, die mit Demenz verbunden werden: Hilflosigkeit, Autonomie- und Kontrollverlust. Dabei wird ausgeblendet, dass man mit einer Demenz noch lange aktiv sein und das Leben geniessen kann. Entscheidend ist, wie die familiäre Situation respektive die Hilfesysteme aussehen. Und wie jemand mit Verlusten umgehen kann.

WW: Meinst du damit auch, auf einer spirituellen oder religiösen Ebene?

SR: Im medizinischen Bereich gibt es den Begriff der Salutogenese. Es geht dabei um die Frage, wovon Wohlbefinden abhängt. Man unterscheidet die Parameter Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit. Wer eine spirituelle oder religiöse Seite hat, ist eher in der Lage, auch einer schwierigen Situation Sinnhaftigkeit abzugewinnen. Das erleichtert die Handhabbarkeit und damit die Bewältigung der Lebenssituation. In der Beratung ist es mir wichtig, auch auf allfällige Glaubenshaltungen einzugehen, im Sinne einer wertvollen Ressource.

WW: Wie und wann bist du in deinem Leben dem Thema Demenz begegnet?

SR: Als junger Mensch kam ich beruflich im Rahmen der Langzeitpflege in Alters- und Pflegeheimen mit Demenz in Kontakt. Das hatte mich sehr beschäftigt. Wie muss ich damit umgehen? Als ich merkte, ich muss die Kontrolle durch Denken und Logik zurücknehmen und der Person mehr auf einer empathischen Ebene begegnen, wurden der Beziehungs- und Vertrauensaufbau möglich. Das hatte mich fasziniert und begeistert. Da entstand so etwas wie eine Leidenschaft für den Umgang mit Menschen mit Demenz.

WW: Nach deiner beruflichen Tätigkeit in der Pflege kam der soziale Bereich dazu.

SR: Ja, ich habe als Pflegefachfrau auf der Akutmedizin abgeschlossen. Das war medizinisch sehr interessant und lehrreich, aber ich merkte, mir ist die Arbeit auf der Beziehungsebene sehr wichtig. Dafür gibt es im Spital wenig Raum. In der Langzeitpflege war es schon besser. Da stellte ich auch fest, dass mir die Beratung sehr zusagt. So entstand eines Tages der Wunsch, meine Kompetenzen um die soziale Arbeit zu erweitern, um noch mehr beraterisch tätig sein zu können. Ich absolvierte das entsprechende Studium an der FHNW, welches sowohl soziale Arbeit als auch Sozialpädagogik umfasst. Als ich in der Alterspsychiatrie im Felix Platter-Spital ein Praktikum machen konnte, standen die Angehörigengespräche im Vordergrund. Ich war endlich nahe an den Menschen mit ihren Sorgen und Bedürfnissen. Zeit haben, zuhören, gemeinsam Lösungen finden – in dieser Aufgabe kann ich mein ganzes Wissen und meine Erfahrungen einbringen. So macht mir mein Beruf viel Freude.