Alzheimer-Bulletin November 2018

«Zwischen Jung und Alt braucht es Solidarität»

Seit September 2019 ist Bettina Zeugin Geschäftsführerin der Alzheimervereinigung beider Basel. Vorher war die Historikerin in der gleichen Funktion bei der Caritas beider Basel tätig. Am neuen Arbeitsort führte sie ein Gespräch mit dem Kommunikationsverantwortlichen Wolfgang Werder.

Wolfgang Werder: Öffentliche Umfragen ergeben, dass Krebs und Demenz die Krankheiten sind, vor denen sich die Menschen am meisten fürchten. Wie ist deine Gefühlslage gegenüber Demenz?

Bettina Zeugin: Bis jetzt hatte ich eher Angst vor Krebs. Dies hat vermutlich mit der Vorstellung zu tun, dass bei Krebs Zellen verändert werden. Krebs ist fast immer mit dem Adjektiv «bösartig» verbunden, was meine Phantasie zu sehr anregt. Vielleicht hat das auch mit dem Alter zu tun, und wenn man Kinder hat, fürchtet man sich eher vor Krebs, der sich auch bei ihnen entwickeln kann. Demenz ist in der Regel nicht unmittelbar lebensbedrohlich; es bleibt mehr Zeit, sich damit zu befassen.

WW: Bevor du die Stelle bei uns angetreten hast, warst du Geschäftsführerin bei der Caritas beider Basel. Siehst du Gemeinsamkeiten zwischen den Betätigungsfeldern der Caritas und der Alzheimervereinigung?

BZ: Bei der Caritas habe ich mich dafür eingesetzt, dass Armutsbetroffene in unserer Gesellschaft akzeptiert sind und dass ihre Rechte berücksichtigt werden. Es ging darum, die soziale Integration zu fördern.
Auch beim Thema Demenz geht es um die Akzeptanz und die rechtliche Vertretung in der Öffentlichkeit. In der Regel muss jedoch die soziale Integration nicht gefördert, sondern der gesellschaftliche Ausschluss verhindert werden. Das ist ein anderer Ausgangspunkt.

WW: Die Verteilung der Altersgruppen erfährt in der Schweiz eine Entwicklung, die es so noch nie gegeben hat. Das heisst, der Anteil an Menschen über 65 war wohl noch nie so hoch. Wie beurteilst du als Historikerin diese Situation, die sich in den kommenden Jahrzehnten noch akzentuieren wird?

BZ: Historikerinnen können genauso wenig in die Zukunft schauen, wie andere Berufsgruppen. In meiner Einschätzung pendle ich hin und her zwischen sehr trüben oder positiven Aussichten. Wir müssen Gewicht darauf legen, dass die Gesellschaft nicht auseinanderbricht. Zwischen Jung und Alt braucht es Solidarität. Da gibt es im Moment auch viele positive, neue Initiativen. Diese müssten aber in grossem Umfang von der Politik und Wirtschaft unterstützt werden. Auch muss die internationale Politik sich mit dem Thema Alterung befassen: Gerade im Bereich Ausbildung und Pflegeressourcen bringt uns die nationale Sicht längerfristig nicht weiter.

WW: Verglichen mit der Zeit vor zehn Jahren ist das Thema Demenz heute in der Öffentlichkeit viel präsenter. Aber das heisst nicht, dass es keinen Handlungsbedarf mehr gibt. Wo siehst du die Dringlichkeiten?

BZ: Ich glaube auch, dass man heute offener darüber sprechen kann. Aber für Betroffene ist dies immer noch ein gros­ser Schritt. Dringend ist für mich die Finanzierungsfrage: Wer soll was bezahlen? Für mich ist auch zwingend, dass alle Menschen Zugang zur nötigen Medizin und Unterstützung haben müssen.

WW: Gemessen an den rund 10‘000 Menschen mit Demenz, die in den beiden Basler Kantonen leben, und den weit über 10‘000 Angehörigen, die Betreuungs- und Pflegearbeit leisten, müssen auch die Dienstleistungen der Alzheimervereinigung wachsen. Wo soll der Schwerpunkt gesetzt werden?

BZ: Neben den Schwerpunkten Beratung und Kurse für Betroffene und Angehörige, müssen wir mehr nach draussen gehen. In die Bibliotheken, Museen, in den Zolli, in die Cafés und Restaurants: Das hilft gegen die Tabuisierung, regt an und verlängert die soziale Integration. Neben den Betroffenen benötigen die Angehörigen zudem genau so viel Aufmerksamkeit und Entlastung.

WW: Um unsere Arbeit kennenzulernen, hast du an einem Gedächtnistraining für Menschen mit Demenz teilgenommen. Wie war das für dich?

BZ: Es war ein sehr schöner Nachmittag in freundschaftlicher Runde. Neben dem Training ist es ein gesellschaftlicher Anlass. Es ist bemerkbar, dass dies die Teilnehmenden auch anspornt. Das zu erfahren, war für mich sehr schön.

WW: Vielen Dank für dieses interessante Gespräch!